Diese Geschichte begann mit einer Vorgeschichte, deren Auslöser eine Geburtstagsfeier in Bremerhaven war. Ich hatte mir ein Boot mitgenommen, weil ich auch mal in der Gegend dort die Gewässer erkunden wollte, und der Gastgeber (ein alter Zivildienstkollege) half mir am Sonntag noch beim Umsetzen des Autos. Jedoch der Aufwand lohnte sich nicht. Die Gegend war reichlich langweilig (obwohl im damaligen Flussführer anders beschrieben), und es regnete den ganzen Tag. Den Regen kann man zwar einigermaßen fernhalten mit Spritzdecke über der Kajakluke, Regenjacke und Südwester, aber Spaß machen tat die Unternehmung trotzdem nicht so richtig.
Nach zwei Dritteln der Strecke kam ich an eine Brücke, unter die sich schon ein Boot geflüchtet hatte. Dies war ein aufblasbares gelbes Gummiboot, von der Form her eher ein Canadier als ein Kajak, nämlich oben offen. Darin saß ein Pärchen, nur mit Regencapes geschützt, und über ihr Zeltgepäck in der Mitte zwischen sich hatten sie eine blaue Plane (Müllsäcke?) gezogen. Das schien alles überhaupt nicht wasserfest zu sein, und entsprechend bedröppelt wirkten sie auch. Als sie erfuhren, dass ich von ziemlich weit oben kam, meinten sie, sie wollten dort hin (die Medem strömt so wenig, dass man auch gut aufwärts fahren kann), und ob ich dort nicht eine zum Zelten geeignete Stelle gesehen hätte mit Anlegesteg außer Sicht von Häusern. Das fand ich nun vollends abwegig, wer macht sich schon die Mühe, einen Anlegesteg weitab von irgendetwas zu bauen? Und man konnte kilometerweit gucken dort, es gab nur platte Wiesen mit Zäunen und eher selten mal einem einzelnen Baum.
Diese Story erzählte ich später auf einer anderen Party in Rotenburg, wo ich damals wohnte, und von zwei Seiten hieß es plötzlich: "So ein Boot habe ich doch auch noch auf dem Dachboden!" und: "Lass uns damit doch mal eine Tour machen!" Der Aspekt "Regen und ungeschütztes Gepäck" spielte dabei überhaupt keine Rolle mehr, aber es gab auch eine gute Chance, dass sich das aktuell schöne Wetter bis zum Wochenende hielt. Und so kam es, dass wir am nächsten Freitag mit einer ganzen Gruppe - auch unbeteiligte Zuschauer waren dabei - nach Lauenbrück fuhren, um zu viert die Wümme zu befahren. Mein Plan sah ungefähr so aus, am ersten Tag nur ein Stück zu fahren, irgendwo wild zu zelten, uns am Sonnabend dann Scheeßel und Rotenburg zu passieren. Kurz hinter Rotenburg gab es eine Wiese, die nach einer ganz tollen Zeltstelle aussah. Da bin ich schon oft dran vorbeigefahren und habe davon geträumt, hier einmal zu übernachten, aber das hatte sich bisher halt nie ergeben. Am Sonntag sollte dann bis Hellwege oder maximal bis Ottersberg gefahren werden, einer von den Zuschauern hatte angeboten, dann beim Holen der Autos zu helfen.
Als ich an der Einsatzstelle mein Kajak fertig beladen hatte und hochguckte, legte sich meine Euphorie schlagartig - bei den beiden Booten von den Dachböden handelte es sich nicht um aufblasbare Canadier, sondern um schlichte Badeboote in sehr runder Form. Damit konnten wir froh sein, es bis Rotenburg zu schaffen in zwei Tagen.
Aber die Euphorie der anderen war ungebrochen, selbst als sich herausstellte, dass das Boot, welches einem Paar gehörte (ihre Namen habe ich vergessen, ich will sie hier mal Lena und Jens nennen), zu klein war für zwei Personen. So stieg Lena also um zu Maren, deren Boot etwas größer war. Das Gepäck musste damit natürlich auch noch einmal neu verteilt werden. Zum Glück hatte ich in meinem Kajak noch Reserven und konnte noch etwas davon bei mir unterbringen, und es ging los.
Aber selbst meine neuere Einschätzung unseres Vorankommens stellte sich als deutlich zu optimistisch heraus. Diese Boote fuhren überhaupt nicht geradeaus. In der Hauptsache trieben sie flussabwärts und drehten sich dabei unablässig im Kreis. Weil Maren und Lena damit noch einen Tick besser zurechtkamen als Jens, wurde beschlossen, dass ich Jens ins Schlepptau nahm. Eine Leine hatte ich am Boot, jedoch nur mit der Möglichkeit, diese an einer der Bootsspitzen (somit also ganz hinten am Bootsende) zu befestigen. Und damit bekam nun ich Schwierigkeiten, um Kurven zu fahren, weil der Zug der Leine hinten das immer verhindern wollte. Die richtige Methode, nämlich die Leine statt am Heck meines Bootes um meinen Körper herum zu befestigen, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Zusätzlich wurde das geschleppte Boot dabei in den Kurven stets nach außen gedrückt und drohte immerzu, mit dem Ufer zu kollidieren. Und schließlich passierte es, dass dabei ein Ast, der knapp unter der Wasseroberfläche unsichtbar im Flussbett steckte, den Unterboden des Gummibootes aufschlitzte.
Also musste angelandet werden. Immerhin hatte Jens passendes Flickzeug dabei. Doch er hatte dieses noch nie benutzt, und das Boot wie auch das Flickzeug waren schon viele Jahre alt. Zu alt, wie sich zeigte, das Zeug vulkanisierte nicht mehr.
Somit blieb uns nicht viel anderes übrig, als an Ort und Stelle die Zelte aufzubauen und uns etwas zu Abend zu kochen, spät genug war es mittlerweile auch geworden dafür. Und am nächsten Morgen bauten wir alles ab und packten zusammen, und wir Autofahrer gingen zu Fuß zuerst zur Straße und dann zurück zu unserer Einsatzstelle, und beides war gar nicht weit, in Summe etwa zwei bis maximal drei Kilometer.
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