Werralandrallye und Wesermarathon 2012

Da diese Seiten bisher recht motorradlastig sind, ist es wohl an der Zeit, mal etwas mehr über Kajaktouren zu berichten.

Jedes Jahr Ende April finden mit Werralandrallye und Wesermarathon zwei Kanusportveranstaltungen statt, die eine Menge Teilnehmer anziehen, durch schöne Landschaft führen und an denen wir schon oft teilgenommen haben. In diesem Jahr fiel der Maifeiertag auf den Dienstag danach, so dass wir mit einem Urlaubstag ein langes Wochenende vor uns hatten und Montag und Dienstag die Weser noch ein Stück weiterfahren wollten.

Freitag, 27.04.2012

Zelten auf der Wiese beim Weserstein Nach Feierabend trafen Ulrike und ich uns um 1700 Uhr beim Bootshaus, um die Boote aufzuladen. Wir kamen gut durch, wider Erwarten gab es keinen Stau unterwegs, auf der Gegenfahrbahn Richtung Norden sah es hingegen ganz anders aus. Um 2100 Uhr erreichten wir Hannoversch-Münden und steuerten den Parkplatz am Weserstein an. An diesem Wochenende wird es immer geduldet, auf den Rasenflächen dort zu zelten, es steht dann zwar keine Dusche, aber immerhin ein Toilettenhäuschen zur Verfügung. Vor 25 Jahren, als ich das erste Mal hierherkam, war es diese Zeit hier schon so voll, dass es unmöglich war, mit einer Gruppe noch zusammenhängende Plätze zu finden. Diesmal war es so leer, wie ich es noch nie gesehen hatte, in unserer Nähe standen weniger als 10 andere Zelte.

Sonnabend, 28.04.2012

Unterwegs auf der Werra Für die Werralandrallye standen zwei Strecken zur Auswahl, die beide in Witzenhausen endeten: Silber von Bad Sooden/Allendorf mit 20 Kilometern und Gold ab Eschwege, 39 Kilometer. In der Vergangenheit haben wir oft die Silberstrecke gewählt und sind anschließend noch bis Hannoversch Münden weitergefahren. Das ist von der Streckenlänge her mit der Goldstrecke vergleichbar, hat zwar den Vorteil, dass die Boote gleich beim Startpunkt für morgen liegen, jedoch den Nachteil, dass man irgendwie (ich meist per Anhalter) zum Startpunkt zurück muss, um noch das Auto abzuholen. Für die beiden offiziellen Routen wird jedoch ein Busservice angeboten. Deshalb und weil Ulrike dort oben noch nie gewesen ist, haben wir uns diesmal für die Goldstrecke entschieden. Das bedeutete aber frühes Aufstehen, Start war in Eschwege um 800 Uhr (bei Silber wäre das erst um 1000 Uhr gewesen, wenn die Goldfahrer auch gerade dort ankommen).

Startpunkt in Eschwege war ein Parkplatz mitten im Stadtzentrum, wo wir abladen, bequem einsteigen und losfahren konnten. Ein paar hundert Meter weiter mussten wir allerdings gleich wieder aussteigen, weil ein unfahrbares Wehr die Weiterfahrt stoppte und uns zum Umtragen zwang. Das erschien uns zuerst recht ungünstig, wir mussten dann aber erkennen, dass es am Wehr keinen Parkplatz und unterhalb des Wehres keine geeignete Einstiegsstelle mehr gab.

Der Himmel war blau mit nur wenigen Wolken dazwischen, und die Sonne brutzelte ganz gut auf mein dunkles T-Shirt, es wollte definitiv Sommer werden. Die Berghänge um uns herum leuchteten in frischem Grün, nur wenige Bäume hatten noch keine Blätter. In den Ebenen erfrischten immer wieder Plantagen von weiß blühenden Obstbäumen das Auge. So war die Fahrt ein einziger Genuss.

Nach etwas mehr als 2 Stunden erreichten wir wie geplant Bad Sooden/Allendorf. Hier fuhren wir am Wehr vorbei zur Bootsschleuse, da diese aber schon sehr voll war, entschieden wir uns doch zum Tragen. Danach kamen wir sehr bald an den Abschnitt, wo man vor 1990 auf ca. 7 Kilometer direkt am DDR-Grenzzaun entlangfuhr, damals bildete die Flussmitte die Grenze. Das war dann immer ein äußerst beklemmendes Gefühl, diese zwei abgeschnittenen Dörfer dahinter und ihre eingesperrten Bewohner zu sehen und die Gefahr zu spüren, die von diesen Anlagen ausging. Noch heute kann man am Ende sehen, wie sich der ehemalige Grenzstreifen den Berg hinauf durch den Wald zog, die Bäume dort sind noch nicht wieder nachgewachsen, die Wunde ist zumindest in der Natur noch nicht verheilt. Weiter ging es endgültig durch "altes Bundesland", links auf der Höhe irgendwann die Burg Ludwigstein, bis wir schließlich am heutigen Ziel ankamen, das Bootshaus liegt kurz vor der Stadt Witzenhausen.

Boote an der Ausstiegsstelle Bis um 1500 Uhr der Bus abfuhr hatten wir genug Zeit, Bratwurst zu essen und die zahlreich auf der Wiese abgelegten Boote zu bewundern. Das ist durchaus vergleichbar damit, auf einem Motorradtreffen an der Reihe abgestellter Maschinen entlangzuflanieren. Es gibt bei solchen Großveranstaltungen eine Vielzahl unterschiedlichster Fahrzeugtypen zu sehen. Beispielsweise konnte ich den Besitzer eines Tahe Marine Wind 535 (ein Boot, in das ich mich ein bisschen verguckt habe) nach seinen Erfahrungen befragen. Ein Stück weiter fiel mir ein schönes selbstgebautes Holzboot auf. Beim Anblick des an den Bug geschriebenen Namens brach Ulrike jedoch in Gelächter aus und meinte, das sei etwas für Angeber. Ich muss zugeben, in der Hinsicht völlig ungebildet zu sein, das Wort war Latein, und das kann ich nicht. Sie klärte mich also auf, dass "Lignum" auf deutsch "Holz" bedeutet. Es gibt aber auch immer wieder Bootsnamen, die Wortspiele beinhalten. Ein Boot hieß beispielsweise "Reinerseiner", wobei das "s" allerdings von zwei mir unpassend erscheinenden Apostrophen eingerahmt wurde.

Bevor um 1500 Uhr mein Bus fahren sollte, gab es noch den offiziellen Festakt. Da wurden wohl allerhand Reden geschwungen, der Bürgermeister war angekündigt und eine Kirschkönigin oder -prinzessin, da verzogen wir uns doch lieber oben in's Vereinshaus und probierten den dort angebotenen leckeren Kuchen. Vor Jahren musste mal eine gute Freundin von uns, die ursprünglich aus der Nordeifel stammt, hier auf mein Autorückholen warten. Als ich wiederkam, meinte sie: "Jetzt weiß ich, warum ihr immer 'Nordrhein-Vandalen' sagt." Da hatte ein Verein aus der Nähe ihres Heimatortes den zweiten Preis für die teilnehmerstärkste Gruppe bekommen, und der Jubel fiel wohl so lautstark aus, dass ihr das richtig peinlich gewesen ist.

Wieder in Hannoversch Münden bei unserem Zelt angekommen, wurde es auch schon langsam Zeit für den Gang in die Stadt zum Abendessen. Zuerst wurde aber noch kurz der Hängebrücke über die Fulda ein Besuch abgestattet. Dieses alte Bauwerk fängt schon nach wenigen Schritten darauf spürbar zu wippen an und zeigt so auf eindrucksvolle Weise, wie weich der Werkstoff Stahl doch eigentlich ist. Leider musste ich hier feststellen, dass das Display meiner Kamera wohl noch viel weicher war, das war nämlich kaputt, als ich das Gerät hier aus der Tasche holte, die letzten Fotos von der Brücke sind in wahrstem Sinne "blind" geschossen worden.

Zum Essen gingen wir über die andere Fußgängerbrücke in die Altstadt mit ihren schönen alten Fachwerkhäusern. Gleich am Anfang fiel mir der alte Brauereibrunnen auf, bei dem direkt unter dem Namensschild der Hinweis "Kein Trinkwasser" prangte. Anscheinend sollte man das hiesige Bier dann besser nur zum Haarewaschen verwenden. Nachdem wir eine Weile durch die Gassen gewandert waren, gab es bei einem Italiener am Marktplatz lecker Essen und auch kühles Bier, das hoffentlich mit Trinkwasser gebraut worden war. Fachwerk in Hannoversch-Münden

Auf dem Rückweg fiel uns neben dem Toilettenhaus ein Interkultureller Garten auf, der relativ neu sein musste, da wir ihn noch nicht kannten. Laut der Infotafel sollten hier Pflanzen wachsen, die im Koran und/oder der Bibel erwähnt wurden.

Zwar finde ich die Idee eines solchen Gartens, der von Angehörigen verschiedener Kulturen gemeinsam bearbeitet wird, ganz gut, obwohl die Integrationsproblemfälle mit diesem Konzept natürlich nicht erreicht werden. Als Besucher hätte ich mir jedoch gewünscht, dass auf dieser Infotafel zumindest alle Standorte der aufgezählten Pflanzen auch irgendwie kenntlich gemacht worden wären.

Die Nacht war der spärlichen Platzbelegung entsprechend recht ruhig, bis auf eine Gruppe Partygänger, die offenbar auf dem Rückweg aus der Stadt waren und von denen einer meinte, von der Hängebrücke herab noch einen etwas längeren Vortrag halten zu müssen.

Tagesstrecke: 38 km

Sonntag, 29.04.2012

Aufbruch zum Wesermarathon Am Sonntag sollte der eigentliche Wesermarathon stattfinden. Da gibt es drei Strecken zur Auswahl: Gold geht bis Hameln über 135 Kilometer. Das soll eine echte Strapaze sein, und das habe ich noch nie gemacht (und gemocht auch nicht). Silber bis Holzminden sind immer noch 80 Kilometer. Das wäre für uns zu schaffen, konnte aber jetzt bei dem derzeitigen Niedrigwasser anstrengend werden. Die Bronzestrecke von 52 Kilometern bis Beverungen ist für geübte Paddler eigentlich immer möglich. Wir hatten geplant, erstmal bis Beverungen zu fahren und dann zu entscheiden, ob und wie weit es dann noch weitergehen soll.

Offizieller Start ist immer um 600 Uhr morgens (und für die Goldstrecke muss man um die Zeit auch schon losfahren, um vor 2100 Uhr am Ziel anzukommen). Ich mag ja die besondere Atmosphäre dabei: Aufstehen im Dunklen, langsam setzt beim Frühstücken das Vogelgezwitscher ein, Zeltabbau in der Dämmerung, dann Aufbruch zusammen mit hunderten Gleichgesinnten in den Morgen hinein, vielleicht noch Nebelschwaden auf dem Wasser... Jedoch war Ulrike partout nicht zu so frühem Aufstehen zu bewegen. Also wurde der Wecker auf 530 Uhr gestellt. Das hatte immerhin den Vorteil (man kann es aber auch als Nachteil ansehen), dass ich losgehen und frische Brötchen besorgen konnte (bzw. musste), denn der Bäcker beim Rathaus machte schon um 500 Uhr auf.

So wurde denn, während die meisten anderen schon ihre Zelte abbauten und die Boote klarmachten, das Frühstücksgeraffel auf einer der Parkbänke ausgebreitet, wir selbst setzten uns auf unseren Falthockern davor und hatten es vergleichsweise bequem. Zwischendrin wurden wir von einem Zeitungsreporter angesprochen und gefragt, ob er ein Foto von uns machen dürfe, das sähe so schön rustikal aus. Aber Ulrike mochte nicht, so musste er sich andere Motive suchen.

Das Abbauen des Zeltes und Verpacken des Gepäcks in die Boote dauerte so seine Zeit, so kamen wir erst um 810 Uhr auf's Wasser. Aber auch um diese späte Zeit starteten noch viele andere Sportler, die teilweise erst jetzt mit Auto aus der Nähe anreisten, so dass immer noch der Trubel herrschte, der dieser Veranstaltung sein ganz eigenes Gepräge verleiht.

Der Pegel zeigte 119 cm an, der Wasserstand war also in der Nacht etwas gefallen, was aber zu erwarten war. Trotzdem fand ich die Strömung als recht zügig. Der Himmel war bedeckt, wobei das eher nach einem Schleier als nach richtigen Wolken aussah, es gab also Hoffnung auf einen schönen Tag.

In Vaake hing an der Fassade eines Fachwerkhauses noch ein Weihnachtsmann, den man dort entweder vergessen oder nach dem Motto "Nach Weihnachten ist vor Weihnachten" gleich hängen gelassen hatte.

Irgendwann hörte ich von hinten ein Ruderboot aufkommen und jemanden sagen: "Nun mach aus 80 Kilometern noch 90 mit deinen Zickzackkursen hier!" Natürlich musste der Steuermann an uns Paddlern mal rechts, mal links vorbeifahren und dabei öfter mal die Seite wechseln. Ich fragte die Ruderer, ob es denn nicht üblich sei, nach einem gewonnenen Rennen den Steuermann in's Wasser zu werfen, und sie hätten mich ja nun gerade überholt. Das wurde mit viel Freude aufgenommen, und auch der Steuermann lachte mit, sicher in der Gewissheit, auf viele hundert andere Boote verweisen zu können, gegen die man eben nicht gewonnen habe.

Weserfahrt Auch weiterhin hatten wir mit den Ruderern eine Menge Spaß. Ein Stück später versuchte zum Beispiel eine Steuerfrau, ihrem Schlagmann während der Fahrt und in der Bewegung eine Brille aufzusetzen. Das klappte zwar nicht, sorgte aber für viel Gelächter bei der Crew wie auch allen gerade anwesenden Paddlern. Ein anderes Boot, mit vier Mädchen an den Riemen, hatte einen offenbar sehr unerfahrenen ebenso jugendlichen Steuermann. Die Ruderin vorne drehte sich um und gab ihm Anweisungen: "Etwas mehr nach Backbord", und kurz danach: "Backbord, andere Seite!"

Lustig ist es auch, wenn eine Rudermannschaft ihren Steuerer wechselt. Dazu wird nämlich nicht extra angelegt, das machen sie mitten auf dem Wasser. Ein Ruderer steigt dann mit Händen und Füßen auf den Rand des Bootes (das funktioniert nur mit den großen Wanderbooten, aber mit Rennbooten ist hier auch niemand unterwegs) und steigt über alle anderen hinweg nach hinten, kauert sich vor dem Steuerplatz nieder, und der Steuermann klettert auf gleiche Weise nach vorne und nimmt den Arbeitsplatz ein. Das geht natürlich nie ohne Gewackel, mahnende Worte und flapsige Bemerkungen ab.

Später im Seekajakforum wurde sich viel beklagt über rücksichtslose und unhöfliche Ruderer, aber wir haben ausschließlich das Gegenteil erlebt. Das mag aber auch daran gelegen haben, dass wir ja erst zwei Stunden nach dem offiziellen Start auf's Wasser kamen, da waren die ambitionierteren Sportler sicher schon weit voraus.

Bei den Paddlern gab es auch heute wieder nette Bootsbeschriftungen zu sehen, zum Beispiel ein Indianerkanu mit dem Namen "Manni-Two". Das Boot mit der Aufschrift "Steuerbord" war mir schon gestern aufgefallen, und ich hatte mich gefragt, ob auf der linken Seite denn auch "Backbord" stand. Dem war aber nicht so, dies stand auf dem Boot seines Kumpels. Dann durften die beiden aber niemals die Seiten tauschen.

Auf der Höhe von Würgassen, dem letzten Ort vor dem Bronzeziel, hörte ich von hinten ein Motorboot aufkommen, eine Männerstimme sagte: "Achtung, ich gebe jetzt mehr Gas", und eine Frauenstimme antwortete: "Ja, aber vorsichtig." Da ließ sich also jemand von der Heckwelle mitziehen. Ich guckte mich um, um zu beurteilen, ob ich die Spritzdecke schließen musste, und mein erster Gedanke war: "Oha, die Welle hat es in sich!" Eine Sekunde später ging die Paddlerin baden. Wir sind natürlich sofort hin, das Motorboot nahm die Frau an Bord, ich sammelte das Paddel ein und Ulrike fischte ein Kameratäschchen mit darangebundenem Smartphone auf, die beide nicht wasserdicht verpackt waren und nur noch schwammen, weil in dem Schaum der Kameratasche noch etwas Luft verblieben war. Die Frau meinte: "Das ist mir in dreißig Jahren nicht passiert!" Immerhin hatte sie trockene Wechselklamotten mit, wurde an Land gebracht und konnte sich dort umziehen. Und mittlerweile ist auch längst die Sonne herausgekommen, und es wurde richtig warm.

Ohne weitere Zwischenfälle kamen wir am Bronzeziel in Beverungen an. Direkt vor uns landete ein mit zwei jungen Mädchen besetzter Zweier, deren Steuerfrau sich einen Fahrradrückspiegel vorne an die linke Seitennaht montiert hatte. Das erinnerte mich an die Zeit, als Ulrike gerade frisch Motorradführerschein gemacht hatte und noch immer hinter mir herfuhr, weil sie sich nicht auch noch auf das Finden des richtigen Weges konzentrieren wollte. Damals habe ich mich einmal dabei ertappt, im Kajak beim Abbiegen auf die Alster mit dem Blick genau diese Stelle links vorne gesucht zu haben, um im Motorradspiegel zu gucken, ob sie denn auch hinterherkommt.

In Beverungen gab es ein ähnliches Programm wie gestern in Witzenhausen: Grillbratwurst und Suppe, Boote gucken, ausruhen. Hier wurde die Ruhe allerdings gestört durch einen Alleinunterhalter, der deutsche Schlager zum Besten gab, und zwar gar nicht mal die bekannten "Klassiker" sondern irgendwelchen Kitsch von wegen: "Ich fange dir den Mond mit einem goldenen Lasso..." Wir dachten: "So alt, das uns sowas gefällt, wollen wir nicht werden", aber das Paar, das auf der Garagenauffahrt vor der Anlage dazu tanzte, war kaum älter als wir. Da ging es um 1520 Uhr ganz schnell wieder weiter.

Unmittelbar nach dem Losfahren kamen wir an einem halben Dutzend Schwänen vorbei, die allesamt den Kopf unter Wasser steckten. Ganz offensichtlich konnten auch sie die Schlagermusik nicht ertragen. Jetzt war es recht leer geworden auf der Weser, jetzt war auf diesem Stück hier wohl niemand mehr unterwegs, der noch zum Silberziel wollte. Und auch für uns sollte es in Höxter genug sein, beim Bootshaus des örtlichen Kanuvereins am Ortsanfang rechts stiegen wir aus. Hier mussten wir die vollbeladenen Boote ein Stück weit die Böschung hoch auf die Wiese schaffen, aber für solche Zwecke hatte ich einen Bootswagen, ein kleines zusammenklappbares Gestell mit zwei Rädern, an Bord. Oben standen schon etliche Zelte, vom Haus selbst schien aber niemand da zu sein. Aber uns wurde gesagt: "Baut euch irgendwo auf, nachher kommt jemand zum Kassieren". Als unser Zelt längst stand, kam tatsächlich jemand, wollte aber erst in Ruhe grillen. So haben wir uns auch erst einmal etwas zu Essen zubereitet. Aber auch danach mussten wir noch einmal auf den Umstand, dass wir noch nicht bezahlt hatten, hinweisen.

Der Abendspaziergang führte uns am Flussufer entlang zum Ort, wo wir bei der Gelegenheit die Tankstelle gleich bei der Brücke erkunden konnten, wo man am Morgen Brötchen bekommen sollte.

Tagesstrecke: 67 km

Montag, 30.04.2012

Um 730 Uhr ließen wir uns von einem unserer Mobiltelefone wecken, und Ulrike besorgte heute die Brötchen, nachdem sie zuvor feststellen musste, dass aus der Dusche nur kaltes Wasser kam. Es war bewölkt, aber trocken, was uns ein schönes Frühstück an einer der auf der Wiese verteilten hölzernen Tisch-Bank-Kombinationen erlaubte. Um 950 Uhr war wir fertig, das Zeltgeraffel abgebaut, zusammengerollt, wasserdicht eingepackt und in den Booten verstaut, und wir waren wieder unterwegs.

Heute hatten wir die Weser zuerst für uns alleine, und nach dem Trubel von gestern empfanden wir das als sehr wohltuend, obwohl wir uns die Massenveranstaltung gestern natürlich auch selbst ausgesucht hatten. Bald kamen wir nach Holzminden, wo links vor Brücke und Badeanstalt das Silberziel gewesen war. Heute war davon schon überhaupt nichts mehr zu merken. Vorne in der ersten Reihe standen lauter Wohnmobile, nicht ein Zelt oder Kanu war zu sehen. Auch ein Hinweisschild auf den Kanuverein konnte ich auf den ersten Blick nicht entdecken. Wenn ich nicht genau gewusst hätte, wo die Ausstiegsstelle ist, hätte ich als Wasserwanderer möglicherweise Probleme gehabt, hier die Kanustation zu finden. Nach dem Ortsende von Holzminden brüllte vom Ufer her eine Stimme, die sich nach viel und regelmäßigem Alkohol anhörte: "Ihr seid spät dran, die Regatta war gestern!" Ich war versucht, zu antworten: "Deswegen war es bis eben auch noch so schön ruhig und friedlich hier", aber das schien mir dann doch verschwendet, und wir haben den Typen einfach ignoriert.

Zum Mittags kam die Sonne hervor, und es wurde richtig warm. Zeit, eine Pause einzulegen. Da bot sich eine Gaststätte in Heinsen direkt am Ufer geradezu an. Da konnten wir nämlich schön oben im Schatten auf der Terrasse sitzen und hatten die Boote unten im Blick für den Fall, dass ein Schiff hohe Wellen macht oder gar jemand etwas daraus stibitzen will. Dazu einen Salatteller und ein kühles Getränk - das Leben kann geradezu perfekt sein. Auf der Weiterfahrt kamen wir an der Tonenburg vorbei, einer mittelalterlichen kleinen Burg, welche von ihren jetzigen Besitzern als Motorradfahrerherberge betrieben wird, die ich jedoch bislang noch nicht besucht habe. Kurz danach lag rechts ein altes Anwesen, das sich bestimmt auch für ein solches Unternehmen eignen würde. Doch die in ihrer Substanz schönen Fachwerkgebäude lagen verfallen, hier hatte sich bisher kein Investor gefunden. Ein Stück weiter folgte ein Kleingarten, auf dem ein alter Eisenbahnwaggon stand, und inspiriert durch die vorherigen Gedanken um Motorradfahrer- und andere Herbergen entwickelte ich eine neue Geschäftsidee: Eine Reihe Eisenbahnwagen werden so ausgebaut, dass man darin mit allem Komfort wohnen kann, aber fahrfähig belassen. Diese Wagen kann man dann mieten ähnlich wie Hausboote auf manchen Gewässersystemen. Bei der Buchung gibt man an, in welchen Großstädten man jeweils ein paar Tage verbringen will. Die Wagen werden dann an irgendwelche Züge angehängt und in zentraler Lage in der Nähe des jeweiligen Hauptbahnhofes abgestellt. Dann hat man ein paar Tage Zeit, die Stadt zu erkunden, bis es dann zur nächsten Metropole weitergeht. Während der Fahrtzeit hat man dann genug Muße, sich zu entspannen, sich in die mitgebrachten Bücher zu vertiefen oder was immer man sonst tun möchte...

Jetzt, wo die Sonne von klarblauem Himmel schien, strahlte die Umgebung in den schönsten Farben: grün, gelbgrün, grüngelb und gelb. Letzteres war der Raps, dessen Duft wir auch immer wieder riechen konnten hier unten auf dem Wasser. Ein Nachmittag richtig zum Genießen.

Am Campingplatz bei Bodenwerder stiegen wir aus und konnten unser Zelt direkt neben der Ein- und Ausstiegsstelle aufbauen. Nachdem das sowie meine von heute morgen verschobene Dusche (man mag mich deshalb gerne "Weichei" nennen) erledigt war, setzen wir uns auf eine Bank und guckten zu, wie in dem winzigen Sportboothafen neben der Einstiegsstelle jemand seine erste Fahrt mit einem Jet-Ski absolvierte. Nach einen kurzen Einweisung durch den Besitzer fuhr er einige Male auf und ab und kam zurück, um sich zu beklagen: "Da wird man ja doch nass!" Der Besitzer erwiderte: "So, wie du fährst, ja. Musst richtig Stoff geben!" Aber er hatte wohl genug davon und ist nicht noch einmal losgefahren. Zum Ausgleich sollten jetzt mehrere Motorboote an der Slipanlage zu Wasser gelassen werden. Da konnte man dann Leute beim Rangieren ihrer Anhänger beobachten. Da diese aber naturgemäß über eine gewisse Routine verfügten, hielt sich die Spannung in Grenzen. Inzwischen kamen noch zwei Paddler die Weser hinunter und wollten offenbar bei uns anlegen. Da die Slipanlage belegt und die Treppe für die Seekajaks der beiden eigentlich zu kurz war, gingen wir hin, um ihnen zu helfen. Denn geschickterweise war die Treppe etwas in die Steinpackung des Ufers eingelassen, da konnte das Kajak nicht direkt neben den Treppenstufen liegen, sondern man hatte zum Aussteigen einen etwas größeren Abstand zu überbrücken. In solchen Fällen ist es ganz angenehm, wenn jemand dabei das Boot festhält. Die Fahrerin des einen Bootes überraschte uns aber durch eine etwas eigenwillige Lösung des Problems: Sie nahm ein Peli Case aus der Luke und legte es quasi als Trittstein auf die letzte noch überspülte Treppenstufe, um dann ihren Fuß trocken darauf setzen zu können. Nun benutze ich so einen Behälter auch für meine Kamera, würde aber nicht riskieren, ihn einer solchen Belastung auszusetzen. Aber das schien ja zuverlässig zu funktionieren. Natürlich unterhielten wir uns dann noch eine Weile lang mit dem Pärchen. Sie kamen aus dem Rheinland, hatten ihre Boote gerade neu gekauft und fuhren diese Tour als Probe für die große Donaufahrt im Sommer.

Am Abend gingen wir noch einmal hoch zur Rezeption, um uns zu erkundigen, wie wir (bzw. ich) denn morgen zurück nach Hannoversch-Münden kommen können, um das Auto dort abzuholen. Vermutlich müsste man zuerst per Bus nach Hameln und von dort aus mit dem Zug weiter. Genauere Informationen dazu, geschweige denn einen Fahrplan, hatten aber auch die Platzbetreiber nicht. Also gingen wir los in den Ort, um an der Haltestelle lesen zu müssen, dass am morgigen Feiertag überhaupt kein Bus irgendwohin fuhr. Da würden wir also morgen früh aufstehen und nach Hameln paddeln müssen.

Gleich nach dem Zeltaufbau hatte ich eigentlich für den Abend eine Flasche Rotwein im "großen Kühlschrank" (der Weser, mit Leine und Häring gesichert) kaltgestellt, aber da wir beide keine große Lust hatten, jetzt noch etwas zu kochen, entschieden wir uns dafür, gleich hier oben bei der Rezeption zu bleiben und etwas zu Essen zu bestellen. Draußen sitzen konnten wir hier auch, und dazu auch ein paar kühle Biere bekommen. Bei den Temperaturen heute Nachmittag war dies sowieso das Getränk der Wahl, doch im Kajak mitgenommen wäre das unzumutbar warm geworden, für eine Gepäckfahrt eignet sich Rotwein immer noch am besten.

Tagesstrecke: 41 km

Dienstag, 01.05.2012

Der "Wecker" klingelte um 630 Uhr, und Sekunden später fielen erste Regentropfen auf das Zelt. Die erwiesen sich aber beim Herauskriechen als Irrtum, der Himmel senkrecht über uns war überwiegend blau, und das Getröpfel hörte auch schnell wieder auf. Allerdings gab es an den Seiten dunklere Wolken, die durchaus einiges Wasser in sich tragen mochten. Aber nütschanix, also Frühstücken, Zelt abbauen, einladen und los. Das Rheinländer Pärchen war schneller als wir, aber um 815 Uhr waren auch wir auf dem Wasser.

Dort fiel uns ein komischer Vogel auf, eine Gans mit einem sehr markanten schwarzen Punkt auf der Brust. Diese Sorte kannten wir noch nicht (und haben sie auch zuhause im Bestimmungsbuch nicht gefunden). Sie hatte einen Haufen Küken dabei, das waren die ersten Wasservogelküken dieses Jahr für mich. Noch während wir über diese Vogelsorte rätselten, hörten wir es in der Ferne rumpeln. Dort zog ein Gewitter auf, und der Himmel wurde da hinten auch reichlich dunkel. Das war zwar noch ein ganzes Stück weit weg, aber zwischendurch fielen schon mal ein paar Tropfen, und wir sahen uns genötigt, die Regenjacken herauszuholen. Aber sobald wir sie angezogen hatten, hörte das wieder auf. Manchmal hilft es eben offenbar doch, Entschlossenheit zu zeigen.

Kurz vor Mittag erreichten wir Hameln, inzwischen wieder bei Sonnenschein, und stiegen am dortigen Vereinshaus aus. Ich machte mich sofort auf den Weg zum Bahnhof, während Ulrike ab jetzt beinahe alle Zeit der Welt hatte, die Boote klarzumachen. Ich hatte das Navigationsgerät für das Motorrad mit, das konnte man nämlich auch im Fußgängermodus betreiben. Aber die Fußgängerbrücke über das Hafenbecken kannte es nicht, zum Glück wusste ich wenigstens ungefähr, in welche Richtung ich gehen musste. Trotzdem schaffte ich es gerade nicht mehr rechtzeitig, um sofort einen Zug nehmen zu können, sondern musste bis 1328 Uhr warten, nachdem ich mir eine Verbindung habe heraussuchen lassen, welche zweifaches Umsteigen beinhaltete. Das wurde mit einem frisch gekauftem Sudoku-Heft (dem nicht ganz trivialen Grand Masters) überbrückt.

In Elze hatte ich nur fünf Minuten Zeit zum Umsteigen, der andere Zug stand schon auf dem anderen Gleis. Aber das hat gut geklappt. In Göttingen hatte ich etwas mehr als eine halbe Stunde Zeit. Das bot mir Gelegenheit, bei der Post vor dem Bahnhof Geld zu holen und ein Eis zu schlecken. Im Zug dann saß nebenan eine Gruppe junger Leute, die ich zuerst für Schüler hielt, die aber wohl Studenten sein mussten, denn Schüler würden wohl kaum an einem Feiertag Nachmittag Schulstoff durchsprechen. Aber es ging dabei auch um coole und ganz interessante Aufgaben, beispielsweise: "Was passiert (das habe ich zu Anfang noch nicht richtig mitbekommen, es ging eventuell um Wellenlängen, vielleicht aber auch um Strahlungsleistung), wenn Sie sich bei 42 °C im Schatten schwarz ärgern?" oder: "Wieviel Wasser von 25 °C müssen Sie trinken, um den gerade an Sie verteilten Schokoriegel zu kompensieren?" Die Gruppe stieg in Witzenhausen aus, dafür kamen zwei Fahrradfahrer, die sich erst nach der Abfahrt nach dem Ziel dieser Fahrt erkundigten und so feststellen mussten, dass sie jetzt in die falsche Richtung fuhren.

Pünktlich um 1552 Uhr in Hannoversch-Münden angekommen gab es keine Alternative zum Fußmarsch hinunter an die Weser, denn der Bahnhofsvorplatz war komplett leer, kein Taxi weit und breit. Dafür wurde ich aber entschädigt, als ich in der Innenstadt über den Kirchplatz ging, denn die Kirche war jetzt offen, und drinnen gab es eine sehr schöne Orgel zu sehen.

Für die Fahrt nach Hameln ließ ich mich vom Navi die schnelle Variante über die Autobahn leiten. Bei der Ankunft hatte Ulrike natürlich schon längst alles aus den Booten geräumt und parat gelegt, so dass wir zügig aufladen konnten. Um 1800 Uhr traten wir die Heimfahrt an und hatten um 2100 die Boote am Vereinshaus abgeladen und verstaut.

Tagesstrecke: 26 km

Gesamtstrecke: 172 km


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