Pyrenäen, dritter Anlauf 2019

Nachdem wir schon zweimal geplant hatten, in die Pyrenäen zu fahren, jedoch beim ersten Mal kurz vorher umdisponiert und beim zweiten Mal unterwegs aufgegeben hatten, wollen wir es nun wieder einmal versuchen.

Da Ulrike sich somit schon zwei Winter lang mit dem Thema Routenplanung beschäftigen konnte und diesbezüglich eine Menge "in der Schublade" liegen hatte, hatte sie diesen Winter etliches an Zeit damit verbracht, ihre Spanischkenntnisse aus der Schule wieder aufzufrischen und zu vervollkommnen.

Die Reiseroute

Fr, 03.05.2019

Für den Start der Reise konnten wir heute wieder einmal auf Routine zurückgreifen, denn wie so oft sollte die Gelegenheit genutzt werden, unterwegs ein Wochenende bei der Familie von Ulrikes Schwester in Karlsruhe zu verbringen. Da dort der Wunsch geäußert wurde, wir mögen um 1730 Uhr dort eintreffen, wir aber trotzdem unterwegs wieder ein Stück Landstraße fahren wollten, blieb der Wecker auf 600 Uhr stehen. Mit Frühstücken, Tanken und Einkaufen (Hamburger Franzbrötchen als Souvenir für die Exilanten) kamen wir trotzdem erst kurz nach halb neun los.

Die Route habe ich schon in früheren Reiseberichten beschrieben, sie wird auch nur an wenigen Stellen noch variiert. Jedoch habe ich vor Marburg noch ein schönes Kurvenstück durch Wald gefunden. Auch mit dem Wetter hatten wir bei der Vorhersage sehr unbeständiger Verhältnisse richtig Glück, zwar trafen wir an etwa fünf Stellen auf ein paar Regentropfen, aber an mindestens fünf weiteren Stellen konnten wir die Schauer rechts oder links an uns vorbeiziehen sehen, und erst bei Kronau (kurz vor den Ziel) traf uns etwas mehr Wasser.

km 92681, Tagesstrecke 639 km (los bei km 92042)

Sa, 04.05.2019

Für heute war den ganzen Tag lang schlechtes Wetter angesagt. Also wurde ein Fahrzeug mit Dach (Auto) angemietet und nach Heilbronn zur "Experimenta" gefahren. Dies war eine kürzlich neu eröffnete Ausstellung, wo insbesondere Kinder zu allen möglichen wissenschaftlichen Themen Versuche anstellen konnten. Das kostete 37 € für zwei Kinder und drei Erwachsene und hatte sich richtig gelohnt. Es gab Mitmachstationen auf vier Etagen, und wir bzw. die Kinder haben keine zwei davon geschafft. Da konnten sie unter anderem mit Papierfliegern und anderen Objekten in Luftströmen experimentieren, in einer Wasseranlage Dämme bauen, Schiffe schwimmen lassen und Schleusen betreiben oder kleine Modellautos bauen. So verbrachten wir den Großteil des Tages von fröhlichem Kinderlachen umgeben und haben uns auch selbst hin und wieder zu einigen spielerischen Aktivitäten hinreißen lassen.

Im Nachbargebäude habe ich zwischendurch noch den Makerspace besucht, der richtig edel ausgestattet war und mir gut gefallen hat.

So, 05.05.2019

In Karlsruhe fand heute ein Volkslauf, die Badische Meile, statt, und unser Gastgeber war mit von der Partie. So haben wir uns an der Strecke aufgestellt, um die Läufer und insbesondere ihn anzufeuern. Zum Glück war das Wetter wieder besser, wenn auch immer noch sehr kalt. Unsere Aufmunterungen wurden insbesondere von den Läufern auf den hinteren Rängen, die eben nicht ganz so gut waren, dankbar aufgenommen. Hier sahen wir dann auch noch ein paar Leute in Verkleidung, ein Läufer in einem Tierkostüm beispielsweise oder "Schneewittchen und die sieben Zwerge", ein Mann im Kleid wie aus dem Disneyfilm und die entsprechende Anzahl Kinder mit Zipfelmützen. Es lohnt sich also, bei solchen Gelegenheiten auszuharren, auch nachdem die "Favoriten" schon durch sind.

Auch der weitere Tag war mit einer Geocache-Suche ("Windharfe") sowie Kartonmodellbau mit den Neffen nicht langweilig.

Mo, 06.05.2019

Wenn man bei Leuten zu Gast ist, die am frühen Morgen allesamt zur Schule bzw. zur Arbeit müssen, dann hat man die Chance, auch selbst zeitig los zu kommen, in unserem Fall heute 745 Uhr! Mit 7 °C waren die Temperaturen zwar noch nicht ganz so schlimm wie befürchtet, aber doch schattig genug für zwei Pullover, Unterziehhandschuhe und Heizgriffe.

Des besseren Vorwärtskommens wegen sind wir nicht gleich in die Vogesen gefahren, sondern lange in der Rheinebene geblieben, was zwar völlig unspektakulär war, aber eben einigermaßen effektiv. Nach etwa einer Dreiviertelstunde kamen wir an einem Geschäft vorbei, an dem der Text "Reisser hat Ihr Bad" stand. Das fand ich ja total krass. Da hat man gerade eine dreiwöchige Urlaubsreise begonnen, schon wird einem das Badezimmer abgebaut und zu irgendeinem Fredi in Baden-Württemberg transportiert! Also ich erwartete jetzt wirklich, dass bei unserer Rückkehr alles wieder an Ort und Stelle war, als ob nichts gewesen wäre, nur dann war ich eventuell bereit, über diese Angelegenheit noch einmal großzügig hinwegzusehen.

Auf dem Weg Richtung Alpen Vor Belfort mussten wir die Regensachen anziehen, wenn auch nicht für lange. Dahinter führte uns Ulrikes Planung nun auf richtig kleine und richtig schöne Straßen. Nach Beaume-les-Dames hatten wir auch das Vergnügen, jene Route mit Motorrädern befahren zu dürfen, die wir vor drei Jahren noch mit dem Auto bewältigen mussten.

Auch unser Tagesziel war heute dasselbe wie damals. Denn wir hatten damals von Longcochon aus ja nicht nur eine tolle Pferdewagentour gemacht, sondern sind auch lecker bekocht worden. Und genau das sollte auch jetzt wieder passieren, es gab:

km 93123, Tagesstrecke 442 km

Di, 07.05.2019

Die französische Art der Bettbereitung, nämlich die Methode, die Bettdecke an beiden Seiten unter das Laken zu schieben, finden wir sehr unpraktisch. Nicht nur, dass man sehr mühsam von oben dort hineinkrabbeln muss. Auch der Umstand, dass die Bettdecke dann sehr straff gespannt ist und an der Seite dann immer zum Kopfende hin offen ist, sorgte in der Nacht immer wieder für Unmut. Aber wir waren halt gestern Abend zu faul, das ganze Arrangement gleich auseinanderzurupfen, das hatten wir nun davon.

Dort lag noch Schnee in höheren Lagen Zum Ausgleich fanden wir einen sehr heiteren Himmel vor, und ganz so kalt war es auch nicht mehr. Trotzdem sahen wir wie schon gestern bei der Anreise oben auf den Höhen des Jura noch Schnee liegen.

Ulrikes Route führte uns sehr schön durch Gegenden, die wir bisher noch nicht kannten, in den oberen Jura und dann an den Rand der Alpen. Und alle Welt hatte sich anscheinend Mühe gegeben, uns die Fahrt angenehm zu gestalten. Es war durchweg wenig Verkehr, auf einer Bergstraße überholten wir einen Wagen des Straßenbauamtes, der mit einer Rollenbürste die Steine aus den Kurven fegte, und auch die Bauern, die an einer Abbiegung einige Ballen Stroh verloren hatten, waren gerade dabei, das Zeug vom Asphalt zu sammeln. Da machte es auch nichts, dass am Col de Porte (1326 Meter hoch) noch etliche Schneereste neben der Strecke lagen.

Trotz aller Annehmlichkeiten sollte es irgendwann einmal genug sein. Als wir für einen kurzen Moment lang auf die E712 und in eine Gegend mit mehreren potentiellen Unterkünften kamen, fragte ich im "Le Traineau" nach einem Zimmer. Das bekamen wir auch, und die Motorräder bekamen einen Platz in der Garage (neben mehreren abgedeckten Maschinen des Wirtes), und so ging ein schöner Fahrtentag seinem Ende entgegen.

km 93465, Tagesstrecke 342 km

Mi, 08.05.2019

Die Wettervorhersage versprach uns ein von West nach Ost durchziehendes Regenband. Weil der Himmel schon beim Aufstehen nicht gut aussah und noch vor dem Frühstück die Luft leicht feucht wurde, haben wir gleich in der Garage die Regensachen angezogen. Der Wirt kam dazu, um uns zu verabschieden, und nach einem kurzen Plausch über unser weiteres Vorhaben meinte er, von dem Col du Meneé würde er uns abraten, zu gefährlich. Nach den genaueren Gründen gefragt, zählte er auf: Rollsplitt in den Kurven, rutschig bei Nässe, gerne auch mal Glatteis, und die Autofahrer würden die Kurven schneiden. Er selbst hätte letztes Jahr das Mopped eines Kumpels dort heruntergeholt, den so jemand frontal erwischt habe, und er würde dort auch selbst nicht mehr mit dem Motorrad fahren. Stattdessen empfahl er uns, hinter dem Col de la Croix Haute rechts abzubiegen und den Col de Grimone zu nehmen, das würde unsere Fahrtzeit gerade mal um anderthalb Stunden verlängern. Bei zweieinhalb Wochen Resturlaub konnte uns das herzlich egal sein, also nahmen wir seinen Rat an und fügten noch einen Punkt zu unserer Route hinzu. Leider spielt in solchen Fällen die Tomtom-Software gerne mal verrückt, so auch diesmal, was zu viel Gefluche geführt hat bei zwei Versuchen, im Regen mit nassem Display unterwegs die Route wieder glattzuziehen.

Die Empfehlung selbst hingegen ging völlig in Ordnung, insbesondere kamen wir nach dem total einsamen Col de Grimone auf der D539 durch eine tolle Klamm, die alles bot, was das Auge glücklich macht: Ein enges Tal mit kurviger Straße durch grob gehauene Tunnel und unter etlichen Felsüberhängen. Da jedoch mein Tankrucksack nicht wasserdicht ist und deshalb bei Regen samt Kamera darinnen in den Seitenkoffer wandert, gibt es hiervon leider keine Fotos.

Im Zentralmassiv war das Wetter schlechter Im Laufe der Zeit besserte sich das Wetter, die Rhône überquerten wir zum Mittag trocken. Aber schon bei Privas änderte sich das wieder. Diesmal mussten wir nach oben und somit direkt in die Regenwolke hinein, was zur Folge hatte, dass wir für lange Zeit von der Landschaft gar nichts und von Straße und Verkehr um uns herum viel zu wenig zu sehen bekamen. Wir setzten uns eine Weile in die Bar der Auberge de Barnas, aber das half auch nichts. Erst auf der Hochebene wurde es wieder trockener, dafür aber unangenehm windig. Und ein paar Schneereste lagen hier auch noch im Graben an der Seite.

10 km vor Mende ging das dann wieder los, und diesmal noch eine Spur heftiger. Zuerst führte das Wetter neben Wassertropfen auch noch kleine weiße Körnchen mit sich, und dann steigerte es sich zu einem richtigen Guss, und es spülten ordentliche Bäche über die Straße. Unter diesen Umständen machte die steile Abfahrt in das Tal des Tarn nicht mehr den mindesten Spaß.

So hielt Ulrike in Ste. Enimie vor dem ersten besten Hotel, der Auberge du Moulin, auch wenn es eigentlich dafür noch nicht an der Zeit war, und wir konnten uns endlich aus den nassen Sachen schälen. Während ich nach dem Abendessen diese Zeilen schrieb, dampften unsere völlig durchweichten Handschuhe immer noch unten vor dem Kaminfeuer.

Nach dem sehr leckeren Abendessen war es dann tatsächlich auch wieder einigermaßen trocken draußen, und so sind wir noch eine Weile durch die sehr schöne mittelalterliche Stadt spaziert. Da es aber langsam dunkel wurde und ich deswegen die Kamera gar nicht mitgenommen habe, gibt es auch hiervon keine Bilder.

km 93777, Tagesstrecke 312 km

Do, 09.05.2019

Vor dem Frühstück war das Wetter ungefähr so wie gestern beim Abendspaziergang. Die routinemäßige Kontrolle der Moppeds ergab, dass die Kette von Ulrikes Maschine nicht nur wie zu erwarten gefettet, sondern sogar auch nachgespannt werden musste. Wieder einmal beglückwünschte ich mich zu der Entscheidung, ein Motorrad mit Kardan zu kaufen. Dies umso mehr, als es nach dem Frühstück wieder leicht regnete und die Aktion deshalb auf später verschoben wurde.

Der Regen währte indes nicht lange, schon beim Tanken in Meyrueis war es wieder trocken. Die Tankstelle hier gehörte zu einem Citroën-Händler, der zwei echte Oldtimer - ca. 90 Jahre alte Autos - im Schaufenster stehen hatte.

Es blieb trocken, wenn auch wieder sehr windig oben auf den Causses, aber bei der ersten Pause auf dem Larzac zog ich die Regensachen aus. Und als wir die Hochebenen endgültig verließen, wurde es sonniger und wärmer.

Nördlich von Perpignan Da Ulrikes Planung zwischen Narbonne und Andorra eine kleine Lücke aufwies und ich jetzt sowieso mit dem Vorwegfahren an der Reihe war, hatte ich die Routenführung für dieses Stück übernommen mit zwei Zielen für heute: "Mittelmeer" und "Spanien". Einzige Extravaganz darin war nördlich von Perpignan ein Abstecher über die D611 und die D39. Und damit hatte ich wieder einmal eine richtig schöne Strecke gefunden: Mit wenig Verkehr in tollen Schwüngen durch eher hügeliges Gelände, in dem sich zunächst Weinfelder und mit blühendem Ginster durchsetztes Buschland abwechselten, später ging es dann etwas höher durch eine tolle Heidelandschaft.

Das Mittelmeer Südlich von Perpignan folgten wir der Küstenstraße dann noch durch ein paar sehr touristische Orte bis zum ersten Ort hinter der Grenze: Portbou. Hier hatte an der Strandpromenade die Saison offenbar noch nicht begonnen, einzig das Hotel La Masia war offen und bot uns ein Zimmer. Die Motorräder konnten in den Hof gefahren werden, und Ulrike konnte da ungestört ihre Kette nachspannen. Natürlich folgte noch ein Spaziergang vor dem Essen, der aber bedingt durch die Länge der Uferpromenade eher kurz ausfiel.

km 94121, Tagesstrecke 344 km

Fr, 10.05.2019

Einsamer Gutshof Da wir ja jetzt unser ganz großes Ziel erreicht hatten (Ulrike hatte schon mehrfach gesagt, wenn wir es beim dritten Mal wieder nicht schaffen, wäre das ein Zeichen, während ich mich solch abergläubischen Gedanken ja nicht hingeben will), gönnten wir uns den Luxus, heute mal länger zu schlafen. Unser Frühstücksraum bot uns neben einer umfangreichen Sammlung bunter Teller an den Wänden auch einen Baum, dessen Stamm wir zu zweit vielleicht gerade hätten umfassen können und der durch das Dach nach draußen wuchs. Die Krone davon hatte ich gestern schon bewundert, als ich auf dem Platz bei unseren Maschinen stand und darauf wartete, dass Ulrike drinnen unser Zimmer klarmachte.

Diese Pfosten legen die Vermutung nahe, dass hier zeitweise sehr hoher Schnee liegt Von hier aus konnte man nicht direkt parallel zur Grenze in das Gebirge fahren, sondern musste zunächst entweder nach Norden oder nach Süden in die Ebene. Da wir auf der Südseite vor fast 30 Jahren schon einmal waren (mit einem 2CV, beladen mit Zeltgepäck plus zwei Faltbooten - ein Abenteuer für sich), habe ich mich für die französische Seite entschieden. Nach einigen unabwendbaren Kilometern auf großen Straßen kam gleich nach der ersten Abbiegung das, was kommen musste: Schlechter Fahrbahnbelag mit unangenehmen Längsrillen, gefolgt von mit frischem Rollsplitt gepökelter Oberfläche, und das alle 700 Meter in stetem Wechsel. Nach der ersten Ortschaft dann wurde die Straße schmaler - und schlechter.

Aber danach hatten wir dann den ganzen Tag lang prima Bedingungen, gute Fahrbahnen auf oft kleinen, selten größeren Routen, Kurven "bis zum Abwinken" bei Temperaturen, wo der Pullover im Koffer bleiben konnte. Nur in der Ferne auf dem Hauptkamm des Gebirges sahen wir Schnee liegen. Obwohl ich heute viele Fotos gemacht habe, war ich doch manches Mal zu faul, schon wieder deswegen anzuhalten. Die große Ausnahme bilden allerdings die Gorges de St. Georges (die Schlucht des heiligen Jörg?), zwischen enormen senkrechten Felswänden lediglich Platz für den Bach und eine Spur Straße. Hier konnte ich wegen der per Ampel gesteuerten Verkehrsführung bei bestem Willen nicht unterwegs anhalten, also habe ich es danach getan und bin zu Fuß noch mal ein Stück zurückgegangen.

Die Gorges de Saint Georges Alles Schöne hat jedoch mal ein Ende. Dazu mieteten wir uns in Ax-les-Thermes im Hotel Bellevue ein. Zum Essen wurde uns hier allerdings noch etwas Bewegung verordnet, wir mussten ein kleines Stück in den Ort gehen. Dort fanden wir ein sehr uriges Lokal: "La Petite Fringale", das mit einem Sammelsurium von Gegenständen ausgestattet war: Unter anderem sahen wir Bilder von vermutlich ortsansässigen Künstlern, eines davon für 40 € erwerbbar, afrikanische Holzmasken, indonesische Trommeln, tibetische Gebetsfahnen, künstlerische Danksagungen von Gästen, eine Seite von Charlie Hebdo. Und gut essen konnten wir hier auch, dazu gab es wieder bière artisanale, diesmal wie es sich gehört aus dem Ariège.

Während wir das alles genossen, hatte am Nebentisch eine mittelalte Dame einen etwas unglücklichen Auftritt. Sie fragte die Bedienung, ob der Patron da wäre, sie sei eine Freundin von Stéphane. Jaja, von Stéphane, er würde dann schon Bescheid wissen. Dann kam der Chef an den Tisch. Der hieß jedoch nicht Eric, wie sie meinte, sondern Yvain, und er kannte keinen Stéphane. Auch nicht, nachdem sie ihn sehr wortreich beschrieben hatte ("Fahrradfahrer, ein äußerst großzügiger Mann" usw.), er war so höflich, sie noch nach einem Foto zu fragen, aber sie hatte keines von Stéphane. Ihre Extrawurst ("Ich esse weder Schwein noch Rind, kann ich den plat du jour auch mit Geflügel haben?") hat sie trotzdem bekommen, aber nicht aus der Hand des Patrons.

Während ich wieder zurück im Hotel diese Zeilen schrieb, blitzte, donnerte und rauschte es draußen übrigens ganz gehörig. Aber jetzt konnte uns das egal sein, unser Bett hatte ein Dach.

km 94411, Tagesstrecke 290 km

Sa, 11.05.2019

Das Wetterradar sprach von einem Regengebiet an Nordrand von Andorra, also genau da, wo wir gerade waren. Half also alles nichts. Losgefahren bei leichtem Nieselregen verschlimmerte sich die Lage, als wir in höhere Lagen und somit in die Wolke hineinkamen, jetzt stocherten wir also wieder mal im Nebel herum. Und dann war die Straße nach Andorra gesperrt wegen Bauarbeiten, und wir wurden umgeleitet. Das hätte uns eigentlich egal sein können, wir waren ja zum Motorradfahren hier, war jedoch aus zwei Gründen schlecht: Einerseits wollten wir bald hinter der Grenze in Andorra tanken, Ulrike fuhr schon auf Reserve. Und dann hatte unser Navi bei dieser Regenschüttung in Zentralfrankreich Wasser gezogen, obwohl es ja eigentlich vollkommen dicht sein sollte. Diese Feuchtigkeit schlug sich seitdem immer morgens von innen am Display nieder, damit funktionierte der Touchscreen nicht mehr und das Gerät war praktisch unbedienbar. Wir konnten jetzt somit weder die vorgeschlagene Fahrtroute ändern noch nach einer Tankstelle suchen. Immerhin hatten wir für das erste Problem noch Ersatz in Papier dabei sowie ein Kartenfach für den Tankrucksack (hatte ich mal gekauft, nachdem ich vor Jahren in Ungarn Ulrike verloren hatte und immer zum Nachgucken anhalten und die Karte aus dem Koffer holen musste). Jetzt wurde also erst einmal wieder "nach alter Väter Sitte" navigiert, sogar das fast vergessene Handzeichen für "muss anhalten und die Karte umdrehen" kam heute wieder zum Einsatz. Für das zweite Problem wurde lokales Wissen angezapft, ich ging in eine Bar und bekam dort beruhigende Auskunft.

Die Straße führte uns nach Süden und nach unten, und plötzlich wurde die Suppe um uns herum ganz hell, und zehn Sekunden später schien die Sonne! Bald kamen wir in die Gegend von Bourg-Madame ("Tankstelle!") und nach Puigcerdà ("Tankstelle, billiger, weil Spanien, und nur unwesentlich weiter weg!"). Nach dem Auffüllen der Reservoire und Verstauen der Regensachen schnackten wir noch eine Weile mit einem Norweger, der mit einer ZZR1200 jetzt 6.500 km von Tromsø hierher unterwegs war und uns zunächst einigen Respekt abnötigte, denn er hatte an Reisegepäck nur eine kleine Bagster-Tanktasche dabei. Aber nein, er hatte zwei Koffer und ein Topcase im Hotel gelassen und war nur auf Tagestour unterwegs.

Nachdem wir auf der N-260 eine ganze Weile bei schönem Wetter gefahren waren und bei Martinet noch einen Abstecher in die Berge gemacht hatten, kam der Gedanke auf, man könne ja vielleicht noch von Süden aus versuchen, nach Andorra zu gelangen. Wenn das Wetter zu schlecht würde, könnten wir ja immer noch wieder umkehren. Aber nicht das Wetter war zu schlecht, sondern der Verkehr. Man hätte sich denken können, wenn eine der zwei asphaltierten Zufahrten zu einem Staat geschlossen wird, dass es auf der anderen dann etwas voller werden könnte. Zumal Andorra noch eine richtige Grenze hat mit Zollabfertigung und allem. Aber auch hinter der Grenze wurde das nicht besser. Darum sind wir sehr schnell wieder umgekehrt.

Auffahrt zum Port de la Bonaigua Während ich in der Seu d'Urgell in einem Supermarkt unseren Vorrat an Pausenkeksen wieder auffüllte, gelang es Ulrike, unsere nächste Tour in das Navi zu laden. So konnte die Weiterfahrt wieder ganz entspannt von Statten gehen. Das änderte sich etwas, als wir an den Port de la Bonaigua kamen. Hier wehte wieder mal ein recht starker Wind, aber und vor allen Dingen kamen wir nun dem noch überall herumliegenden Schnee sehr nahe. Das wurde dann wieder ganz schön frisch, sah allerdings auch sehr schön aus mit der auf den weißen Flächen glitzernden Sonne. Oft für Fotos angehalten habe ich jedoch nicht, denn dann wären wir wohl wieder von jenem Expeditionsfahrzeug mit deutschem Kennzeichen hinter uns passiert worden, das vielleicht geeignet war, die Strecke von Kairo nach Kapstadt notfalls auch ohne Straße zu bewältigen, jedoch erwiesenermaßen nicht, einen Pyrenäenpass einigermaßen zügig hochzukommen.

Motorradfahrerparadies In Viella fanden wir nach mehreren Anläufen (das erste Hotel voll, drei weitere offenbar geschlossen) ein Zimmer im Hotel Viella. Außer uns waren auch noch etliche andere Motorradfahrer da. Hier muss offenbar irgendeine Motorradveranstaltung stattfinden, denn als wir zum Essen in den Ort gingen, stand am zentralen Platz eine Gruppe von 25 - 30 Harleys und machte ordentlich Lärm. Das hätte beinahe dazu geführt, dass wir weitergegangen wären, aber zuvor sind wir noch kurz in die Kirche, die Tür stand gerade offen. Doch dies war leider auch kein Ort der Ruhe und Besinnung. Sie spielten hier per Lautsprecher eine Liturgie vom Band, und der Text war in solch einem Tempo gesprochen, dass wir den Eindruck hatten, da müssen man sich jetzt aber echt ranhalten, damit das noch vor dem Abendgebet abgehakt werden kann. Aber als wir nach kurzer Zeit wieder herauskamen, fuhr die Harley-Truppe los, und wir konnten in Ruhe unsere Pizza essen. Während wir noch dabei waren, machte sich an gleicher Stelle eine Gruppe von 7 Mokick-Fahrern abfahrbereit. Komischerweise zog dies ungefähr die gleiche Anzahl Zuschauer an wie die Bollertruppe zuvor, ich kann mir auch gerade nicht erklären, woran das wohl gelegen haben mag.

km 94694, Tagesstrecke 283 km

So, 12.05.2019

Sonne, blauer Himmel! Der Frühstücksraum war voller Menschen, bot aber ein angemessen großes Buffet. Auf diesem gab es allerdings neben Kaffee und Orangensaft auch Wein, aber keinen schwarzen Tee. Aufgussbeutel gab es lediglich in Ampelfarben: Früchte in rot, Zitrone in gelb und Kräuter in grün. Ich habe jedoch darauf verzichtet, mir stattdessen vino tinto = "schwarzen" Wein einzuverleiben.

Dass an diesem Wochenende in der Gegend etliche Gemeinschaftsveranstaltungen stattgefunden hatten, war unschwer zu merken. Gleich nach der Abfahrt wurden wir von einer Gruppe Ferraris überholt, die natürlich im folgenden Tunnel mit röhrenden Rohren demonstrieren mussten, welch wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sie doch waren. Später kamen uns zig Oldtimer-Roadster englischer Fabrikate entgegen samt Autotransporter als "Lumpensammler" am Ende.

In tieferen Lagen war es schon sehr sommerlich Zwischendurch sahen wir ein Schild, dass uns darüber informierte, dass wir uns hier in der Mitte der Pyrenäen befänden, und wir kamen wieder einmal durch eine tolle Schluchtstrecke.

Nicht sehr weit von Jaca Mir ist nicht erst heute aufgefallen, dass Ulrikes Planung sich auf dem gesamten Weg nach Westen ausschließlich auf spanischer und danach ebenso ausschließlich auf französischer Seite bewegt und wir damit die großen Übergänge komplett alle auslassen würden. Das mag einerseits dem formulierten Ziel, beide Meere zu sehen, geschuldet sein, andererseits hat diese Routenplanung seit ihrem Entstehen vor Jahren mehrere Konvertierungen auf andere Systeme durchlaufen, und jede davon hat ihr Potential genutzt, Fehler in das Ergebnis zu schmuggeln, da mag einiges auf der Strecke geblieben sein. Ulrike hatte jedenfalls einiges glattziehen müssen vor der Abfahrt. Jedoch sah ich bisher keinen Grund zur Klage, wir sind bislang stets auf tollen Strecken unterwegs gewesen. Meine Gedanken gingen dahin, das bis zum Atlantik auch so zu lassen, um dann auf dem Rückweg mal zu gucken, was wir da noch so einbauen konnten. Konnte ja auch gut sein, dass wir in ein paar Jahren noch einmal wiederkommen wollen, diesmal mit richtig wasserdichtem Navi, und dann das Versäumte nachholen.

Grund zur Klage bestand allenfalls ganz geringfügig bezüglich der Wahl unserer heutigen Unterkunft. Wir waren in ziemlich menschenleerer Gegend unterwegs, und es war schön wie immer, aber langsam wurde es auch später, da sind wir nach Süden herausgefahren und bekamen im Hotel Irubide in Lumbier für 80 € ein Riesenzimmer mit Balkon und Bad mit Whirlpool und Bidet, dessen Restaurant heute allerdings geschlossen hatte, so dass unsere Keksvorräte jetzt schon wieder aufgebraucht waren. Ok, es hätte schlimmer kommen können.

km 95049, Tagesstrecke 355 km

Mo, 13.05.2019

Der Atlantik Gestern war es bei der Abfahrt noch ziemlich frisch, aber heute konnte der Pullover gleich in den Koffer gepackt werden. Auf dem Weg von hier zum Atlantik war die Landschaft vergleichsweise flach, hatte aber durchaus ihren Reiz, wenngleich böse Zungen vielleicht behaupten mögen, der habe in der Abwechslung gelegen. Auch unser erster Blick auf das zweite Meer dieser Reise war vergleichsweise unspektakulär.

Saint-Jean-de-Luz Gut gefallen hat uns dann die Stadt Saint-Jean-de-Luz. Hier gab es viele hübsche Häuser, etliche davon mit Fachwerk. Und zu unserem Entzücken fanden wir mitten dazwischen einen kleinen Waschsalon. Während sich dann die Wäschetrommel für uns drehte, wurde eingekauft und ein Teil davon auf der Bank vor dem Gebäude verzehrt, mit Sonne im Angesicht und Blick auf den Hafen. Und um das Glück komplett zu machen, bekam ich auf der Weiterfahrt in dem Baumarkt, den ich heute früh per Internet ausfindig gemacht hatte, das richtige Werkzeug, um endlich das Wasser aus unserem Navi herauslassen zu können. Denn dass das Ding jeden Morgen von innen beschlug und dann den Vormittag über unbedienbar war, nervte schon, auch wenn es ansonsten immer noch seinen Dienst tat. Mit dem jetzt gekauften Torx der Größe T6 sollte ich das Gerät öffnen können, kleiner als T10 hatte ich nicht in meiner doch vermeintlich schon richtig gut ausgestatteten Werkzeugtasche.

Warnhinweis auf Baskisch Auch in die Routenplanung hatte ich mich heute etwas eingemischt. So sind wir dann nur noch ein kleines Stück weiter nach Osten gefahren, dann aber auf eine in der Karte gelb markierte Straße nach Süden abgebogen und wieder zurück nach Spanien. Und, bevor wir in die Ecke kamen, wo wir gestern schon waren, auf der rot eingezeichneten N-135 wieder hoch. Hier im Baskenland ist ja die Beschilderung auf Baskisch sehr auffällig. Nicht nur, dass alle Orte in beiden Sprachen bezeichnet sind, man findet dies auch bei Hinweisen an die Verkehrsteilnehmer, und es kommt auch vor, dass man an einem Schild vorbeifährt, das nur Baskisch spricht. Das Wort kontuz hatten wir schon in schöner Eintracht mit dem Wort atención gesehen, aber was ist, wenn danach noch der Text Loreko seinaleak orientagarriak dira folgt? Man kann es wahrscheinlich googeln, oder man fährt einfach weiter und wartet auf das Schild, welches einem die spanische Übersetzung liefert.

Ihr Ende fand die heutige Tour in Saint-Jean-Pied-de-Port. Bei der Planung hatte ich allerdings nicht bedacht, dass diese Stadt am Jakobsweg liegt und dementsprechend viel los war. Aber mit Hilfe des Internets fanden wir ein Zimmer im Hotel Ramuntcho, das sehr schön im Inneren der Stadtmauer lag und gar nicht soo teuer war. Und unsere Motorräder bekamen sogar wieder einen Platz in der hauseigenen Garage.

Die mittelalterliche Stadt ist sehr schön, ein Rundgang (zum Abendessen mussten wir sowieso los) lohnte sich trotz des ganzen Rummels und teilweise sogar deswegen, an einer Herberge konnten wir von draußen sehen, wie drinnen die Pilger in Massen abgefertigt wurden. Ich muss allerdings sagen, dass ich schon deutlich besser gegessen habe. Aber das will ich nicht der Stadt anlasten, sondern höchstens dem Restaurant, das wir auch hauptsächlich ausgesucht haben, weil man da noch schön in der Abendsonne sitzen konnte. Und der baskische Cidre hingegen hat mir durchaus geschmeckt.

km 95357, Tagesstrecke 308 km

Di, 14.05.2019

Das Öffnen des Navis schien gewirkt zu haben, jetzt zeigte nur noch ein kleiner Fleck auf dem Display noch Beschlag. Heute Abend mussten wir das dann wohl noch einmal machen. Wasserdicht war das Gerät jetzt natürlich nicht mehr, aber genau genommen war es das vorher ja auch schon nicht.

Baskischer Schafhirte mit seiner kleinen Herde Auch heute starteten wir wieder bei bestem Wetter. Zu Anfang, Richtung Osten, kamen uns noch etliche Pilger entgegen, aber spätestens in dem Moment, als wir nach Süden abbogen, war Schluss damit. Auch hier war immer noch Baskenland, und es war auch immer noch überall richtig schön. Es war aber heute wohl auch der Tag der Tierbegegnungen. Zuerst galoppierten vor Ulrike zwei Rehe über die Straße. Dann trafen wir auf eine Schafherde, die von einem Schäfer mit kleinem Kastenwagen und zwei Hunden die Straße entlang getrieben wurde. Der Mann sprach vermutlich Baskisch mit seinen Tieren, vielmehr brüllte er, aber jedenfalls nicht auf Französisch. Später weideten Rinder ohne Zaun neben der Fahrbahn, und wir sind auch über mehrere Viehgitter gefahren (hier als barrière canadienne bezeichnet). Kurz nach den Rindern dasselbe mit Pferden. Ich hielt an, um ein Foto zu machen, da hob das Tier vor mir den Kopf und kam neugierig auf mich zu. Ich konnte gerade noch die Kamera wegpacken, um im Notfall beide Hände frei zu haben, da war es da und ließ sich von mir die Samtnase streicheln. Im Gegenzug machte es sich mit meinem Reittier bekannt, indem es an meinen Handprotektoren schnupperte. Diese sehr freundliche Begegnung habe ich aber abgebrochen, bevor etwa noch von irgendwoher ein Auto dazugekommen wäre.

Oben auf dem Puerto de Larrau standen wir eine Weile und genossen die Aussicht, als eine zweite Super Ténéré dazukam. Der Fahrer war Engländer, hatte seine Maschine gerade neu, und natürlich ergab sich eine längere Diskussion über das Für und Wider zu einigen Details und Anbauteilen an unseren Fahrzeugen. Unter Anderem erfuhren wir, dass es das System mit den Tageszulassungen drüben genauso gab wie bei uns, seine Maschine war auch so eine. Der Engländer fuhr den Dreiviertelkreis, den ich für heute geplant hatte, in die andere Richtung, wir trafen ihn nachher noch einmal.

Am Col de la Pierre Saint-Martin Die Anfahrt von Spanien zurück auf den Col de la Pierre Saint-Martin war auch phantastisch. Hier oben lag wieder einmal Schnee, und zwar noch eine ganze Menge. Und so hatten wir zu unserer rechten Seite eine ganz tolle Winterlandschaft, bestehend aus einem Gemisch aus grauen Felsen, dunkelgrünen Kiefern und weißem Schnee. Daran konnten wir uns einfach nicht sattsehen. Die nördliche Seite fanden wir wesentlich unspektakulärer.

Danach sind wir einen Abstecher zum Col de Somport hochgefahren. Hier oben bin ich vor vielen Jahren, als ich noch per Anhalter unterwegs war, mal ein Stück gewandert, und ich wollte doch mal ein Stück auf der Straße fahren, deren Lichter ich damals bei meinem Nachtlager hoch oben gesehen hatte. Aber noch vor dem Tunnel, den es damals noch nicht gab, sind wir wieder umgekehrt. In den Gorges d'Enfer mit ihren steilen Felswänden mögen manche Autofahrer vielleicht tatsächlich an die Hölle gedacht haben, denn uns kam eine Karawane von vier Sattelschleppern entgegen.

Das Ende der Tour bildete ein Schlenker nach Osten über D294 und D918. Bei der ersten Route hatte Ulrike mehr Bedenken von wegen kleiner weißer Straße, aber die andere war schließlich die schlechtere, der Asphalt dort fuhr sich reichlich hoppelig.

In Lurbe Saint Christeau fuhr Ulrike am Hotel "Au Bon Coin" zunächst vorbei, weil sie das englische Wort coin gelesen und gedacht hatte, es handele sich um so etwas wie einen 1-Euro-Shop. Aber wir drehten um, bekamen ein Zimmer und auch wieder sehr gut zu Essen als Ausgleich für den gestrigen Abend.

km 95645, Tagesstrecke 288 km

Mi, 15.05.2019

Nach eingehenderer Beschäftigung mit der Routenplanung musste ich heute bei Ulrike Abbitte leisten. Denn es zeigte sich, dass die jetzt möglichen Übergänge nach Spanien allesamt weniger lohnend erscheinen (rote, große Straßen ohne Kennzeichnung als landschaftlich schöne Strecke, und unten wären wir gleich wieder an Stellen herausgekommen, wo wir schon waren), als ich das gedacht hatte. So bin ich also reumütig wieder zu mehr oder weniger der ursprünglichen Planung zurückgekehrt. Eine Unsicherheit kam allerdings auf, als unsere Wirtin beim üblichen Plausch beim Bezahlen sagte, der Col d'Aubisque wäre gesperrt. Flugs wurde das Internet konsultiert, leider allerdings mit widersprüchlichen Ergebnissen. Eine Seite führte ihn nicht als gesperrt auf, die nächste schon, aber diese listete gleichermaßen den Puerto de Larrau als nicht passierbar, und den sind wir gestern doch schon gefahren. Also haben wir gesagt, bange machen gilt nicht, und beschlossen, uns das vor Ort anzugucken.

Diese Tiere (Rinder oder doch eher Dreckschweine?) haben sich um uns nicht bekümmert Kurz nach der Abfahrt ging das erst einmal noch mit den Tierbegegnungen weiter, es galt, ein Dutzend Rinder über die Straße zu lassen. Ulrike rief mir von hinten die Frage zu, ob das nicht doch Schweine wären, und sie hatte Recht, die Biester hatten sich im Schlamm gewälzt und sahen aus wie Sau.

Nachdem wir ein zweites Mal die D918 gefahren waren (die andere Straße vor unserem Hotel hatten neben den gestern geschilderten Nachteilen auch noch den, dass da heute früh dutzende Kieslaster unterwegs waren), gingen wir den Pass an. Es waren hin und wieder PKW unterwegs, und einige Rennradfahrer strampelten aufwärts. Wir dachten, die würden sich diese Mühe ja wohl nicht alle umsonst machen, und dann kamen uns zwei Reisebusse entgegen. Aber da war vorher noch eine Ortschaft. Die war jedoch für Wintersport gebaut und sah so aus, als ob bis Oktober nicht einmal eine einzige Busladung Menschen in Summe hier ihren Fuß hin setzten würden.

Oben auf dem Aubisque Und dann waren wir oben. Der Blick zurück nach unten zeigte zwar zur Linken noch einiges an Schnee auf den Hängen, aber nicht mehr überall, und die Straße selbst war prima gewesen, frei und trocken, und auch direkt daneben hatte schon kein Schnee mehr gelegen.

Und direkt daneben auf der anderen Seite war die Straße zu. Gesperrt mit eiserner Schranke, an beiden Seiten davon war alles mit Felsen so dicht verbaut, dass man sich nicht einmal mit Motorrad ohne Seitenkoffer daran hätte vorbeimogeln können. Ein Grund dafür war für unser Auge nicht ersichtlich, auf dieser Seite schien eher noch weniger Schnee auf den Bergen zu liegen.

Die Dame im Café/Andenkenladen sagte, weiter unten an den Tunneleingängen läge noch Schnee, und der Pass würde wohl nächste Woche aufgemacht werden. Unmittelbar nachdem ich am Navi (heute übrigens wieder komplett beschlagfrei) die Funktion "gesperrte Strecke vermeiden" benutzt hatte, kam eine Gruppe italienischer Motorradfahrer. Ich gab ihnen die Infos weiter, soweit ich sie hatte, und sagte, wir würden wohl über Lourdes ausweichen müssen. Mein Gesprächspartner meinte, das wäre verdammt weit ("un sacco di strada!"), und ich antwortete mit meinem Lieblingsspruch für solche Fälle: Wir waren doch alle zum Motorradfahren hier. Er musste lachen, schien aber nicht restlos überzeugt.

So fuhren wir also den Aubisque auf der gleichen Seite wieder herunter wie herauf, und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich den Aufkleber aus dem Laden auch auf meinen Koffer kleben darf. Die Umleitung führte uns ein kurzes Stück aus dem Gebirge heraus, und auch meine Hoffnung, die Stadt Lourdes vielleicht nur eher am Rand durchfahren zu müssen, erfüllte sich nicht, aber das Rathaus sieht schön aus. Zu allem Überfluss rutschte ich in Argelès-Gazost an einem Stoppschild auf steiler Gasse mit dem Fuß auf Rollsplitt weg und warf dabei das Motorrad auf die Seite. An der Maschine ist dabei nichts passiert, aber ich schien mir dabei den Arm (komischerweise den linken, gerutscht bin ich aber nach rechts) leicht verrenkt zu haben.

Mehr oder weniger wilde Pferde Unsere Idee war nun, es noch einmal von der anderen Seite zu versuchen, denn der Col de Soulor direkt neben/hinter dem Aubisque sollte offen sein. Dem war dann auch so. Aber gleich hinter dem Pass zweigte noch eine Straße ab, und da war diejenige, welche zum Aubisque weiterführt, genau wie auf der anderen Seite mit einer Schranke abgesperrt. Zum Ausgleich trafen wir hier oben noch einmal auf Pferde. Es soll ja Wildpferde geben hier in den Pyrenäen, und möglicherweise gehörte diese Herde dazu, obwohl eines der Tiere wieder eine Glocke trug so wie meine Straßenbekanntschaft von gestern. Richtig wild waren diese Tiere, es waren auch Esel und Maultiere darunter, allerdings auch nicht. Sie liefen ganz unbekümmert zwischen Autos und Menschen umher und ließen sich fotografieren. Allerdings haben wir hier nun auch keine ganz enge Bekanntschaft gesucht, denn es gab auch Stuten mit Fohlen, die das wahrscheinlich nicht so gut gefunden hätten.

Oben auf dem Tourmalet Unser nächster Pass war der berühmte Col du Tourmalet. Auch hier gab es noch einiges an Schnee auf den Hängen, der größeren Höhe wegen aber keine Bäume mehr wie am Pierre Saint-Martin. Dafür floss hier das Schmelzwasser teilweise in breiten Bächen über die Fahrbahn. Und weil sie gerade jetzt an vielen Stellen Löcher geflickt und Rollsplitt verteilt haben (wir hatten die Maschine unten noch in Aktion gesehen), war die Auffahrt nicht gerade einfach. Entschädigt wurden wir durch einen beeindruckenden Ausblick zurück, und wir konnten beobachten, dass es Rennradfahrer gab, die sich den Pass mühsam hochgearbeitet haben (sowas nötigt uns stets gehörigen Respekt ab), um dann ihre Räder in einen Kleinbus zu verladen und nicht etwa jetzt locker wieder herunterzurollen.

Ausblick vom Col d'Aspin Zum Abschluss für heute fuhren wir noch über den Col d'Aspin, der uns auf seiner Ostseite noch einmal einen tollen Ausblick ins Tal bot.

In Arreau begannen wir mit der Hotelsuche, aber das Navi führte uns zu zwei geschlossenen Hotels und drei Colonies des Vacances, wo man eventuell Ferienwohnungen hätte bekommen können, die aber auch allesamt ziemlich verlassen aussahen. Also folgten wir erst einmal weiterhin unserer Route. Schon in Bordères-Louron, dem nächsten Ort, sah das Hotel du Peyresourde zwar zunächst auch nicht so aus, hatte aber ein Zimmer für uns. Es war allerdings ein recht einfaches Haus, wir waren fast die einzigen Gäste, und es gab auch kein Restaurant, sondern nur "das Menü". Das bestand eher aus Hausmannskost: Zunächst Nudelsuppe, dann ein paar Scheiben Räucherschinken zu Brot und Butter, Würstchen mit Bratkartoffeln und zum Nachtisch ein Stück Apfelkuchen. Dazu eine Karaffe Rotwein, das war vermutlich ein Abendessen, wie es auch mancher Franzose zuhause einnehmen würde.

km 95916, Tagesstrecke 271 km

Do, 16.05.2019

Während wir beim Frühstück saßen, hielt draußen ein mit Baumstämmen beladener Transporter. Wir dachten, jetzt würde der Fahrer hereinkommen und seinen Morgenkaffee einnehmen, denn einen anderen Gastraum gab es nicht, hatten uns aber getäuscht. Denn nun schwoll der Pegel der Diskussion in der Küche, die schon seit unserem Eintreten im Gange war, ganz beträchtlich an, und eine weitere Männerstimme war zu hören. Hier schienen also Sitten zu herrschen, die zumindest mit deutschen Gesundheitsbestimmungen nicht vereinbar wären. Und beim Bezahlen erfuhr ich, dass das Kartenlesegerät nicht funktionierte, genauso wie das WiFi.

Mein Arm ließ mich noch immer die Folgen der gestrigen Aktion spüren. Die Kupplung und der Blinkerschalter ließen sich ohne Probleme bedienen, aber insbesondere Drehungen des Unterarmes taten weh, und auch das Heben der Hand gegen den Fahrtwind zum Grüßen entgegenkommender Motorradfahrer war schwierig. Ich sollte somit die nächsten Tage etwas weniger freundlich auftreten müssen als sonst.

Diesen Anblick von Schnee werden wir wohl bald hinter uns lassen Aber das erste Item unserer Einkaufsliste für heute ließ sich problemlos besorgen, auch in Frankreich gibt es Voltaren. Das zweite, eine Flasche guten Wein als Mitbringsel für heute Abend, war auch kein Problem. Mit den fehlenden Briefmarken für Postkarten sah das jedoch anders aus. Postämter in Frankreich haben offenbar uneinheitliche Öffnungszeiten, mal nur vormittags, mal nur nachmittags, mit unterschiedlichen Mittagspausen, aber anscheinend immer so, dass man gerade vor verschlossener Türe steht. Eines war auch einfach mal so für einen ganzen Monat geschlossen. Als wir schließlich ein geöffnetes fanden, war drinnen eine komplexe Operation im Gange, mir schien, dass da eine Dame ihren Rentenantrag stellte oder so etwas ähnliches. Nach gefühlten 5 Minuten kam draußen ein Laster, und ich musste mein Motorrad rangieren, da habe ich gleich den Helm aufgesetzt, und wir sind weitergefahren. Briefmarken kann man ja auch in Tabac-Geschäften kaufen, aber bisher hatte Ulrike, die heute wieder angeführt hatte, nur Postämter gefunden.

Unsere heutige Route führte uns nun nicht mehr über ganz große Pässe, aber doch den ganzen Tag lang durch schöne Gegenden.

Schließlich kamen wir in Montesquieu-Volvestre zu Ariane und meinem Cousin Dietmar. Dietmar hatte mir, als ich noch Schüler war, das Autogenschweißen beigebracht hatte und ist dann Anfang der Neunziger hierher ausgewandert. Wir hatten uns bestimmt seit dreißig Jahren nicht gesehen, und dementsprechend viel gab es natürlich zu erzählen.

km 96146, Tagesstrecke 220 km

Fr, 17.05.2019

Ein Regengebiet sollte heute über die Gegend ziehen, so legten wir einen Pausentag ein.

Neben der Klönschnackerei fuhren wir zwischendurch einmal kurz nach Sainte Croix-Volvestre. Hier hatte Dietmar ein zweites Haus gekauft, und zwar das alte Schulhaus, in dem sich noch Kritzeleien von Anno 1880 an den Wänden befanden. Hier hatte er die untere Etage bereits dauerhaft vermietet, und die mittlere Etage sollte als Ferienwohnung angeboten werden. Die war bereits sehr stilvoll mit alten Möbeln eingerichtet worden, lediglich ein paar letzte Arbeiten waren noch zu tun. Der Plan ist, zusätzlich zu dieser Wohnung auch noch ein passendes altes Fahrzeug zur Verfügung zu stellen, entweder ein Citroën DS oder, bei etwas schmalerem Budget, ein Renault R4. Beide Fahrzeuge hatten wir auch schon zu sehen bekommen, die waren aber beide noch nicht fertig. Aber wenn jemand aus meiner Leserschaft an einem solchen Angebot Interesse hat, kann sie oder er mich gerne kontaktieren.

Sa, 18.05.2019

Nach dem Frühstück wurde noch einmal die Wettervorhersage konsultiert. Das Ergebnis war leider wenig erfreulich: Es sollten weitere Regengebiete auftreten, und für das Gebiet östlich von Andorra zeigte das Regenradar sogar Schneefälle an. Weil wir da aber schon am Anfang gewesen sind und jetzt praktisch einmal herum waren, haben wir beschlossen, dieses Gebiet komplett zu verlassen. Jedoch gab es Aussicht auf Regen auch im Zentralmassiv sowie den Alpen. Gut schienen die Aussichten nur direkt an den Küsten von Mittelmeer und Atlantik zu sein. Eigentlich wollten wir aber schon auch in der letzten Woche noch ein paar Bergstraßen fahren. So reifte also der Plan, direkt nach Norden zu fahren und es mit dem westlichen Zentralmassiv zu versuchen. Da bin ich auch schon längere Zeit nicht mehr gewesen.

Natürlich kamen wir heute nicht so früh los wie sonst, aber hier hatten wir ja auch keine check out time. Aber irgendwann war es dann doch so weit. Und eine ganze Weile lang ging der Plan gut auf, oft schien sogar etwas die Sonne. Vorhersehbarerweise konnte das Landschaftserlebnis in keinster Weise mit dem der vergangenen Woche mithalten, aber da wir uns auf kleineren Straßen bewegten, um Toulouse westlich zu umfahren, blieb es doch immer nett.

Typische Allee in Südfrankreich Unvorhersehbarerweise mussten wir unterwegs die Fahrtreihenfolge tauschen, denn mein Headset für die Ansagen vom Navi sagte innerhalb von einer halben Stunde dreimal "low battery!", dann folgte "low battery, good bye!", und weg war es. Das ist ein bekanntes Verhalten, jedoch bietet das Gerät keine Möglichkeit, zu einem früheren Moment irgendwelche Informationen über seinen Ladezustand abzurufen. Ich hatte mir schon vorgenommen gehabt, es während des Pausentages prophylaktisch aufzuladen, das jedoch vergessen.

Heute schien der zumindest regionsweite Tag der Concours de Pétanque zu sein, wir sind an mehreren solchen Turnieren vorbeigefahren und haben Hinweise zu weiteren gesehen. Aber Boulekugeln transportieren sich schlecht auf dem Motorrad, unsere sind also zuhause geblieben, und die drei Jonglierbälle, die ich im Baskenland als Andenken gekauft hatte, waren hierfür nicht geeignet.

Irgendwann wurde es wieder gebirgiger, aber bei Cahors drohten dann auch finstere Wolken. Zwischen den nun folgenden Schauern war zwar wieder die Sonne zu sehen, aber immer nur ganz kurz. Ich fürchte, wir waren für die herrschenden Wetterverhältnisse immer noch zu weit nach Osten geraten. Deshalb mieteten wir uns recht bald im Comfort Hotel in Figeac ein.

Auch wenn das Wetter heute nicht annähernd an die Schüttung herankam, die wie auf dem Hinweg gar nicht allzu weit von hier erlebt haben, so haben wir doch beide wieder Wassereinbrüche zu verzeichnen. Bei meinem linken Stiefel hatte sich die Naht von dem Flicken zur Betätigung der Schaltung gelöst. Das hatte ich zuhause versucht, mit Heißklebstoff zu fixieren und abzudichten, was aber als nicht gelungen betrachtet werden muss. Und Ulrikes Regenhose ist am Hosenboden undicht. Das hat sie jetzt gerade versucht, mit Klebeband abzudichten. Dieses Zeug mit dem Namen Duck Tape ist normalerweise richtig gut. Und wir haben jetzt noch eine spezielle Version dabei, nicht grau, wie normalerweise, sondern rosa mit Einhörnern drauf. Also wenn das jetzt nicht hilft...

km 96408, Tagesstrecke 260 km

So, 19.05.2019

Am Gouffre de Padirac Grauer Himmel, aber ohne ganz dunkle, drohende Stellen, und beim Aufpacken war es trocken. Also sind wir erst einmal ohne Regenzeug losgefahren, und zwar auf der von Ulrike ursprünglich geplanten Route. Etwas davon abgewichen bin ich, als ich Hinweisschilder zum Gouffre de Padirac gesehen habe. Dafür mussten wir heute gar keinen großen Umweg fahren, aber als ich diese Schilder zum ersten Mal gesehen hatte, hätte das bedeutet, dass ich mich als Anhalter auf ganz kleine und vermutlich selten befahrene Straßen hätte begeben müssen. Aber am Ziel war dann ordentlich etwas los: Großer Parkplatz, Hotel, Herberge, Café, Andenkenladen und die Stätte selbst. Das Wort gouffre bedeutet Abgrund, ich hatte mir darunter also immer eine besonders steile Schlucht vorgestellt, aber es handelt sich dabei "nur" um ein Loch im Boden, etwa 30 Meter im Durchmesser, ca. doppelt so tief, und unten soll es noch ein Höhlensystem geben. Aber angesichts der Schlange vor dem Eingang am heutigen Sonntag verzichteten wir auf eine Besichtigung. Und es war ja auch draußen (noch) trocken.

Bei der Überquerung der Dordogne mussten wir dann doch die Regensachen herausholen. Der Regen hörte zwar zwischendurch immer mal wieder auf, und einmal wurden sogar die Straßen trocken, aber es lohnte sich für den ganzen Rest des Tages nicht, sie wieder auszuziehen. Das Problem mit dem jetzt undichten Navi hatten wir schon gestern so gelöst, dass wir einen Tiefkühlbeutel darüber gezogen und mit einem Gummiband (beides Dinge, die man auf solchen Touren besser dabeihaben sollte) gesichert hatten.

Im Ort Cros machten wir Pause in einer von außen unscheinbaren Bar. Von innen war sie insofern bemerkenswert, als auf allen Tischen Töpfe mit blühenden Blumen standen, und nicht nur je einer, der Gastraum wirkte so fast wie ein Wohnzimmer, wir hatten uns auch schon gefragt, ob hier nicht noch nebenbei ein Blumenladen betrieben wurde.

Die Fahrerei heute war trotz des Wetters nicht völlig unangenehm. Natürlich sind wir durch die Pyrenäen unglaublich verwöhnt, was grandiose Landschaften anging. Aber das ist uns bewusst, und diese Gegend ist allemal schöner als die Norddeutsche Tiefebene. Wir fuhren meistens auf kleineren Straßen über die Hochebenen, und die waren grüner und nicht so karg wie zum Beispiel der Larzac vom Hinweg. Am Nachmittag kamen wir aber wieder in höhere Lagen, es wurde kälter und nasser, und als wir den Col de la Geneste auf 1372 Metern über dem Meeresspiegel passierten, konnten wir allenfalls ahnen, dass es um uns herum schön sein musste, aber sehen konnten wir das nicht, weil wir uns mal wieder in Wolke und Nebel befanden.

Besse-et-Saint-Anastaise Also meinte Ulrike, sie wäre nicht böse, wenn die Fahrt für heute bald ein Ende hätte. So mieteten wir uns, auch wenn wir sehr bald schon wieder klare Sicht bekamen, im Hotel Charmilles in Besse-de-Chandesse ein. Die Motorräder durften wir in einen Lagerraum schieben. Ulrikes Einhorn-Tape hatte gehalten, aber ich werde mir zuhause neue Stiefel kaufen, und nicht nur der Undichtigkeit wegen nicht wieder diese Daytonas.

Zum Abendessen mussten wir wieder in den Ort hinuntergehen, und der hat mir richtig gut gefallen. Ein mittelalterlich anmutendes Städtchen mit alten Häusern, winkligen Gassen und netten Restaurants, wo wir mal wieder richtig gut bewirtet wurden.

km 96654, Tagesstrecke 246 km

Mo, 20.05.2019

Regenwetter im Zentralmassiv Heute haben wir beschlossen, unser Zimmer hier um eine Nacht zu verlängern in der Hoffnung, dass sich das Wetter bessert. Dann habe ich uns anhand einer Reliefkarte, die im Salon hing, eine Tagestour geplant. Die ging zuerst zurück über den Col de la Geneste, und tatsächlich hatten wir dort jetzt bessere Sicht, wenn auch immer noch nicht doll. Bald danach mussten wir jedoch feststellen, dass sich unsere Hoffnungen wohl auch heute nicht erfüllen werden. Hinter Condat haben wir die Tour deswegen abgebrochen und sind wieder umgekehrt.

Am Nachmittag sind wir dann noch einmal für eine Weile in den Ort gegangen.

km 96741, Tagesstrecke 87 km

Di, 21.05.2019

Beim Frühstücken konnten wir beobachten, wie draußen die Berge einer nach dem anderen im Dunst verschwanden. Höchste Zeit also, weiterzukommen. Ulrike zog sich gleich das Regenzeug an, ich in meinem unverbesserlichen Optimismus fuhr erst einmal so los. Und eine Weile lang schien es, als könnte ich Recht behalten. Ein Stück hinter Saint-Nectaire (mit schönen, mondänen Häusern) fuhren wir mal eine Minute lang bei Sonne. Aber bei Volvic musste ich dann reumütig in die Aufkoffertasche greifen und mich in Plastikschale werfen. Auch wenn hier eben um die Ecke eine der großen französischen Mineralwassermarken abgefüllt wurde, mir wäre es aber lieber gewesen, wenn heute mal das Wasser nur aus dem Boden gesprudelt gekommen wäre.

Trotzdem waren die Gegenden, durch die wir kamen, immer noch nett, auch wenn die Berge jetzt flacher wurden. Wir fuhren eine Weile lang an der Sioule entlang, auf der ich auch schon mit dem Kajak gefahren bin. Dann jedoch, die Regensachen hatten wir in der Zwischenzeit auch schon wieder verstauen können, nahm Ulrike ein paar große Nationalstraßen, um zwischendurch auch mal Strecke zu machen.

Erst bei Écuisses verließen wir diese wieder. Hier machten wir einen Moment Pause an der Schleuse Nr. 1 vom Canal du Centre. Hier gab es ein altes Schleusenwärterhaus, an dem eine sehr neue Tafel befestigt war mit dem Schriftzug "Maison Touristique du Canal". Jemand hatte das Wort "Willkommen" in drei Sprachen mit weißer Farbe auf die Fensterscheiben der Eingangstür gemalt, und damit muss wohl das Budget aufgebraucht gewesen sein, weitere Anstrengungen zur Information von uns Touristen schienen jedenfalls nicht unternommen worden zu sein. Das Haus war leer, der Garten verwildert, der Briefkasten aufgebrochen.

Wir sind eine Weile lang am Kanal entlanggefahren, und das war auch sehr schön. Möglicherweise kann man hier auch Hausbootferien machen. So etwas steht auch noch auf unserer Liste mit denkbaren Unternehmungen, und wir hatten das auch schon einmal konkret ins Auge gefasst, dann aber erst einmal wieder verworfen, als wir feststellen mussten, dass sich das Preisniveau zwischen Saisonbeginn und Höhepunkt durchaus verdoppeln kann. Und wir sahen eben nicht einmal ein, warum wir für eine Leistung auch nur 900 € zahlen sollten, die zu einem noch früheren Zeitpunkt bereits für 600 € zu haben war. Da werden wir wohl einmal gucken müssen, wann denn dieser frühere Zeitpunkt mal in unsere sonstigen Pläne passt.

In Beaune machten wir Halt in einem Systemhotel in den Industriegebieten des Stadtrandes. Das war zwar einfach, aber auch preiswert, und eigentlich brauchten wir ja auch kaum mehr als eine Dusche und ein Bett. Zum Abend gingen wir zu einem Burger-Grill um die Ecke, wo natürlich auch keine kulinarischen Offenbarungen zu erwarten waren. Aber der Burger Franc-Comtois war ok und sättigend. Während der Mahlzeit lästerte ich über einen Belgier, der uns zunächst auf der Nationalstraße in einem großen Mercedes mit 2 Stundenkilometer Differenz überholt hatte, um dann zu merken, dass das zweispurige Stück gleich aufhört, und sich dann noch flugs vor die beiden PKW vor uns quetschen musste, und über die Belgier im Allgemeinen, denen man in Frankreich nur bescheidene Autofahrerqualitäten nachsagt. Bei der Diskussion mit der Bedienung über einen eventuellen Digestif kamen wir dann auch mit unseren Tischnachbarn ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass sie Belgier waren. Aber sie haben uns wohl nicht verstanden, sie fragten uns, ob wir Niederländer oder Deutsche sind.

km 97106, Tagesstrecke 359 km

Mi, 22.05.2019

Sonnenschein und heiter, so hatten wir das doch bestellt! Da konnten wir doch die Pullover getrost in die Koffer packen und uns nach dem Frühstück zügig wieder auf unsere Route begeben. Die führte uns zunächst auf großen Straßen Richtung Vogesen. Aber das war heute recht erträglich, es war nicht viel Verkehr, und wir kamen richtig gut voran. Unterwegs musste nur kurz zum Tanken und Einkaufen angehalten werden, Zahnpasta und Taschentücher waren zur Neige gegangen.

Der Roche du Diable in den Vogesen Erst in den Vogesen habe ich wieder in die Planung eingegriffen und einen Kringel hinzugefügt, der uns über den Col de la Schlucht (der heißt wirklich so!) und den Col de Bonhomme bringen sollte. Aber unser erster Vogesenpass war der Col du Mont de Fourche mit sagenhaften 620 Metern. Da waren wir zwar inzwischen ganz andere Sachen gewohnt, aber man freut sich ja auch an kleinen Dingen, und schön war es hier allemal. Oben auf der Höhe gab es ein Restaurant, dort machte ich den zweiten Versuch der Mittagseinkehr. Mein voriger Versuch einige Kilometer vorher ist insofern fehlgeschlagen, als dort zwar Sandwiches auf der Tafel am Eingang standen, der Wirt uns aber nur das Menü des Tages machen wollte. Hier jedoch konnten wir draußen in der Sonne sitzen und eine Salade Repas Franccomtois bekommen. Darin fand Ulrike jedoch etwas, was wie ein Glassplitter aussah. Als der Wirt mit seinem "tout va bien?" ankam, wurde er damit konfrontiert. Er verschwand damit nach drinnen, kam nach kurzer Zeit wieder und meinte, es sei "nur" Plastik und zeigte uns den Behälter mit den Cherrytomaten, und der war transparent und gesplittert. Den Salat mussten wir nicht bezahlen, und wir bekamen auch noch einen Kaffee bzw. Tee auf Kosten des Hauses.

Nach vielen tollen Kurven in dieser schönen Gegend passierte es dann doch irgendwann, dass wir hinter einem LKW hingen und uns so den Col de Saales hochquälten. Da es sowieso so langsam Zeit zur Zimmersuche war, hielt ich kurz entschlossen vor dem Hotel des Roches, wo wir dann auch nicht mehr weiterfahren mussten. Zwar hing an der Tür ein Schild mit "Restaurant geschlossen", aber der Wirt meinte, wer hier übernachtet, bekommt auch etwas zu Essen. Aussuchen konnten wir uns das allerdings nicht, wieder einmal gab es nur " das Menü".

km 97493, Tagesstrecke 383 km

Do, 23.05.2019

Typische Ortsdurchfahrt in der Nähe von Strasbourg Unser hiesiges Bett muss ich wohl als das schlechteste der bisherigen Reise klassifizieren. Die Matratze näherte sich in ihrer Form stark der eines Wok, und die Lichtschalter waren so angebracht, dass man Gefahr lief, sie im Liegen mit dem Kopf zu bedienen, die für die Leselampen außen und der für das Deckenlicht in der Mitte. Somit wurde fast zwangsläufig sichergestellt, dass meine Füße unten über die Bettkante hinaushingen, denn etwas kurz war das Bett außerdem. Aber sobald wir uns bei bestem Wetter wieder auf unsere Maschinen setzen konnten, war der krumme Rücken auch schon vergessen.

Nun hieß es, Abschied zu nehmen von Frankreich. Wir passierten die Stadt Strasbourg südlich und dann den Rhein auf einer Brücke. Von der Stadt Offenburg bekamen wir auch eine Menge Brücken von Kraftfahrstraßen zu sehen, denn davon hatten sie hier sehr viele, und das machte es für uns schwierig, eine Tankstelle zu finden. Und auch wenn die Preisvergleichsportale vor unserer Abfahrt etwas anderes behaupteten, war das Benzin in Frankreich teurer als in Deutschland.

Typische Schwarzwaldarchitektur Mit vollen Tanks ging es dann wieder hoch in die Berge. Der Schwarzwald war entgegen seiner Bezeichnung auch sehr grün, unterschied sich aber von den Vogesen hauptsächlich durch die andere Architektur der Häuser. Besonders hübsch finde ich die auf dem Land sehr verbreitete Dachform mit Krüppelwalm, weit überstehenden Dachrändern und oben nach außen geneigtem Ortgang.

Die Stadt Triberg fiel nicht nur durch sehr schöne Stadthäuser, sondern auch durch üppiges Angebot von Holzschnitzkunst und Schwarzwalduhren auf. An einer Hausfassade wurde sogar mit "Black Forest Clocks" geworben. Das weckte Erinnerungen an einen Besuch in Wernigerode kurz nach der Grenzöffnung, wo seinerzeit der gleiche Anglizismus bemüht wurde, worüber wir uns damals ausgiebig beömmelt hatten.

In Gutach machten wir Pause im Café Engel, wo sie eine alte, abgemeldete Suzuki vor der Tür und einen mannshohen Engel aus Holz auf der Terrasse stehen hatten.

Bald darauf kamen wir auf die Schwarzwaldhochstraße. Es gab eine Zeit, da hatte Ulrike gemeint, wir könnten diese nicht bei Sonnenschein befahren. Das wurde jedoch später widerlegt, und so auch heute wieder. Wahrscheinlich gilt jedoch der Satz, dass man sie nie mehr ohne Geschwindigkeitsbeschränkungen wird befahren können, denn seit unserer letzten Tour hier haben sie noch einen ganzen Batzen davon dazugestellt, so dass jetzt kaum noch mal ein Kilometer offen geblieben ist. In meinen Augen völlig unnötig, denn auf weiten Strecken ist hier nichts los außer einer Straße, die durch den Wald verläuft in weiten Schwüngen, die man auch mit den allgemein sowieso geltenden 100 km/h sollte befahren können. Und wo die Kurven enger werden, gilt ja immer noch der Grundsatz, dass das Tempo den Umständen anzupassen ist. Aber auch so lohnt sich meiner Meinung nach ein Besuch, hat man hier doch tolle Ausblicke aus höchsten Höhen bis weit hinunter in die Ebene.

Die Anfahrt auf Karlsruhe aus dieser Richtung ist etwas ungewöhnlich: Man fährt durch Marxzell, an Ettlingen vorbei, um einen herum schöne Berglandschaft, dann kommt ein Tunnel, etwas länger, dieser Tunnel, dann ist er zu Ende, und Zack! Ebene Landschaft.

Aber da mussten wir gar nicht mehr lange fahren, denn auf dem Hinweg ist uns gesagt worden, wenn wir für den Rückweg ein Bett bräuchten, könnten wir wiederkommen. Und Ulrike hat gemeint, das tun wir dann auch. Und auch wenn dieses Bett "nur" aus zwei Matratzen auf dem Boden besteht - dieser Boden war wenigstens eben und stabil.

km 97807, Tagesstrecke 313 km

Fr, 24.05.2019

Heute musste eines der Kinder erst zur dritten Stunde zur Schule. Trotzdem kamen wir so immer noch etwas früher los, als es der Fall gewesen wäre, wenn wir uns in einem Hotel einquartiert hätten. Ein kleines Problem gab es noch beim Aufbruch, weil der Reißverschluss von Ulrikes Jacke nach dem Zuziehen unter dem Zipper wieder aufging (Oberweite ist bei Frauen halt auch nicht immer von Vorteil). Gestern hatten wir das Problem auch schon gehabt, da hatten wir den Zipper schon mit der Zange aus meinem Werkzeug enger gekniffen. Aber heute half auch das nicht mehr. Also zog sie sich jetzt einen dickeren Pullover an, schloss die Jacke nur ganz unten, an der Taille mit dem Gürtel und halb oben mit dem Zipper und meinte, das müsse dann wohl auch so gehen. Ja, wir werden zuhause einige Kleidungsstücke ersetzen müssen. Aber bei uns wird das Zeug halt auch gefordert und macht richtig viele Kilometer.

In Frankreich sollte das heute Regen geben, deswegen sind wir gestern schon hierher gefahren. Aber ein paar Tage hatten wir noch Zeit, die wollten wir ja schon noch nutzen. Dafür gab es allerdings bisher noch keine vorgefertigte Planung. Darum hatte ich mich gestern Abend mal hingesetzt und entschieden: Ich will an die Mosel, da waren wir schon länger nicht mehr. Dazu mussten wir durch den Pfälzer Wald und den Hunsrück - beides attraktive Gegenden - perfekt! Von der B 48 erzählte unsere Gastgeberin, sie wären da mal mit dem Auto nach Kaiserslautern gefahren, ab Annweiler ginge das durch Gebirge, und da sei unserem jüngsten Neffen schlecht geworden unterwegs. Auch wenn es hart klingt, für mich war das eine eindeutige Empfehlung der Strecke!

Am Johanniskreuz machten wir kurz halt. Die Lokalität habe ich zwar von einer früheren Reise in dieser Region als nicht so einladend in Erinnerung, aber es war halt gerade Zeit für unsere erste Pause. Und es war ein bekannter Motorradtreff. Prompt rollten nach kurzer Zeit drei Niederländer auf Ducati Monster an, die wir schon gestern bei der Pause in Gutach getroffen hatten. Sie wollten heute noch nach Hause, und auf unseren Einwand, es gäbe doch noch das Wochenende, hieß es: 1) die Frau hätte das gerne, und 2) die Eifel sei am Wochenende sehr voll. Zu 1) meinte ich, deswegen habe ich meine Frau auf eigener Maschine mitgenommen, und zu 2) habe ich mir die Bemerkung verkniffen, dass auch ich als Hamburger schon von dieser Fülle gehört habe, und zwar von einer Fülle von Niederländern hauptsächlich.

Auch die weitere Strecke war richtig schön, und dazu auch noch wenig befahren. Auch wenn wir uns nie auf ganz kleinen Straßen bewegten, hat uns die Tour richtig Spaß gemacht. In Idar-Oberstein ist es mir allerdings nicht gelungen, unter alle den reichen Stadthäusern eines mit Eisdiele zu erspähen, um unser Glück komplett zu machen. Und wenige Kilometer östlich von Trier verwehrte uns beim Abstieg zur Mosel dichter Wald jeden Ausblick in das Tal.

Im Ort Schweich kamen wir an einer Gaststätte mit dem etwas komischen Namen "Zum Schweicher Kuckuck" vorbei. Ich hatte zuerst "Schleicher" gelesen, und vermutlich war dabei ein von einem Herrn Siegmund Freud beschriebener Mechanismus im Spiel, denn ich fuhr gerade mal wieder hinter einem Schleicher her und war schwer versucht, "zum Kuckuck!" auszurufen.

Die Mosel Ulrike mag ja die Weinberge in dieser Gegend nicht ganz so gerne, sie spricht da gerne von industrialisierter Landschaft, und insbesondere jetzt im Frühjahr, wo die Weinpflanzen noch zurückgeschnitten waren und viel braune Erde dazwischen zu sehen war, fand auch ich die Hänge teilweise nicht besonders attraktiv. Wir sind natürlich auch schon mal mit dem Kajak die Saar und Mosel hinuntergefahren, und da gefielen mir die bewaldeten Berge an der Saar auch schon besser als die "gekämmten" Hänge an der Mosel. Als Kompromiss habe ich dann ein paar Wegpunkte aus der Tour herausgenommen, so dass wir den Flussschleifen nicht immer komplett folgten und auch mal oben über die Berge abkürzten. Und insbesondere den Anstieg in Ürzig möchte ich als spannend bezeichnen: Sehr steil und eng zwischen den Häusern, da darf einem kaum ein Motorradfahrer entgegenkommen, geschweige denn ein PKW, später immer noch genauso steil in engen 180°-Kehren zwischen den Weinfeldern weiter, dort immerhin inzwischen schon wieder zweispurig.

In einem Vorort von Koblenz machten wir schließlich Halt im Hotel Kreuter. Beim Abendspaziergang kündigte sich ein Wärmegewitter an, und während des Essens flüchteten wir ob der ersten Tropfen von der Terrasse nach drinnen, aber mehr kam erst einmal nicht.

km 98192, Tagesstrecke 385 km

Sa, 25.05.2019

Für heute hatte Ulrike unsere Tour entlang der Lahn fortgeführt. Diesen Fluss bin ich mit den Rotenburger Kanuwanderern gefahren zu einer Zeit, als Ulrike und ich uns noch nicht kennengelernt hatten. Und das ist schon wieder so lange her, dass ich beinahe vergessen hatte, wie schön es hier doch ist. Der Fluss ist deutlich kleiner als die Mosel, das Tal somit auch enger, und alles sehr grün drumherum. Nette Häuser in den Ortschaften gibt es auch zuhauf, und auf den Höhen sind mir einige Burgruinen aufgefallen.

Im Mittellauf bei Gießen und Wetzlar wurde die Landschaft dann eher gewöhnlich, hinter Marburg fand ich es dann wieder netter. Noch nie habe ich allerdings so viele Blitzkästen und -säulen an einem Tag gesehen wie auf diesem Abschnitt. Und den heute oft beobachteten Gegensatz zwischen "Willkommen"-Schildern an Ortseingängen, gefolgt von auf 30 km/h eingebremsten, messstellengesicherten Ortsdurchfahrten finde ich enorm. Aber die Willkommen"-Schilder stammen aus einer anderen Zeit. Ich glaube, in wenigen Jahrzehnten wird man solche Reisen, wie wir sie hier jetzt unternahmen, nicht mehr machen können oder wollen. Und das völlig unabhängig davon, ob nun ein Elektro- oder ein Verbrennungsmotor den Antrieb leistet. Aber ein Auto bleibt ein Auto, das die Straßen und Städte verstopft. Und diese Geschwindigkeitsschikanen hier sind sicher erst der Anfang. In den Bergen Spaniens sind wir auf dieser Reise durch einen kleinen Ort gefahren, wo man an der Durchgangsstraße an jeder Einmündung ein Stoppschild aufgestellt hat. Jeder Weg, der rechts oder links zu noch 5 Höfen geführt hat, war vorfahrtsberechtigt. Das war nur ein kleiner Ort, wir mussten da 5 oder 6 Male anhalten, aber würde man das in Hamburg machen, würden binnen kürzester Zeit eine halbe Million PKWs auf dem Gebrachtwagenmarkt landen. Aber irgendwann wird derartiges kommen. Langfristig wird es dann wohl nur die Möglichkeit geben, auf einem Netz von Landstraßen und Autobahnen zu fahren, wahrscheinlich kostenpflichtig, an allen Ortschaften vorbei und mit Schalldämmwänden abgeschottet. Die Ortsdurchfahrten hingegen werden vielfältigste Anreize bieten, sie nach aller Möglichkeit zu vermeiden. Und so wird das Reisen auf unsere Art eben nicht mehr sinnvoll sein.

Hinter Bad Laasphe verließen wir die Lahn und kamen langsam ins Sauerland. Und wie zum Trost zu meinen vorigen Gedanken stand in einem der ersten Orte eine Gruppe Schulmädchen am Straßenrand und winkte uns fröhlich zu.

Und das Sauerland ist auch sehr schön. Obwohl Ulrikes Routenführung einigermaßen gerade hindurch verlief, fuhren wir einige tolle Wald- und Kurvenstrecken, knapp am Kahlen Asten vorbei beispielsweise. Zwar waren wegen des Wochenendes auch viele Motorradfahrer unterwegs, aber das Verkehrsaufkommen blieb erträglich.

Eine kleine landschaftliche Durststrecke war noch zu überwinden, bis wir das Tal der Weser erreichten und uns im Gasthaus Zum Reinhardswald für die letzte Nacht dieser Reise einmieten konnten.

km 98602, Tagesstrecke 410 km

So, 26.05.2019

Beim Frühstücken konnten wir beobachten, wie sich der Nebel über der Weser langsam verzog und die Sonne durchkam.

Da das Wetter im Laufe des Tages schlechter werden sollte, und je weiter nach Norden, umso schlechter, haben wir nur eine eher kurze Tour entlang der Weser gemacht. Hier ist uns die Gegend zu Lande wie zu Wasser ja auch ganz gut bekannt. Bei Rinteln ging es dann zunächst auf die Autobahn. Dank mobiler Kommunikationstechnik waren wir über den Stau bei Buchholz bestens informiert und verließen die Autobahn rechtzeitig wieder. Weil das Wetter immer noch brauchbar blieb, lediglich der Himmel hatte sich komplett zugezogen, aber es blieb trocken, fuhren wir auch danach über Land weiter und konnten so auch einem alten Bekannten, dem täglichen Stau vor den Elbbrücken, erfolgreich ausweichen. Wir schafften es sogar noch, ungestört unsere Maschinen in der Waschanlage abzubrausen und in die Garage zu stellen, bevor der Regen losging.

km 98937, Tagesstrecke 335 km
Gesamtstrecke 6895 km

Literatur und Karten

[1] France 1:1.000.000, Michelin Cartes et Plans, 2013, ISBN 978-2-06-718176-2

[2] Pyrénées Orientales, Andorre 1:150.000, Michelin Cartes et Plans, 2015, ISBN 978-2-06-714074-5

[3] Pyrénées Centrales 1:150.000, Michelin Cartes et Plans, 2015, ISBN 978-2-06-714073-8

[4] Pyrénées Occidentales 1:150.000, Michelin Cartes et Plans, 2015, ISBN 978-2-06-714072-1

[5] Schäfer, Dirk: Pyrenäen, Highlights Verlag, 5. Auflage 2014, ISBN 978-3-933385-18-5

Von dem Autor gibt (bzw. gab, ist aktuell nicht erhältlich) es auch eine Film-CD zu dem Thema:

Schäfer, Dirk, Prinz, Andreas, Fritsch, Stephan: Abenteuer Pyrenäen, Motorradkarawane 2014


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